Ercandize
ErcandizeÜber den Ruhrpott hinaus hielt Ercandize stets die Fahne hoch für gute Rapmusik, die zwar im Ruhrgebiet verwurzelt, aber stets weltoffen klang. Seine unzählbaren Features und Mixtapes vernetzten den Pott mit weiteren HipHop-Städten, er bewies sein „Ear 2 the Street“, fördert den Nachwuchs durch sein eigenes Label "Assazeen" und wird nicht zuletzt deshalb von Fans "Ruhrpottking" genannt. Ercandize fungiert als Verbindung zwischen der Oldschool-Writer-Tradition von Too Strong oder der RAG und den neuen, aufstrebenden Künstlern des sogenannten „Neuen Potts“ um Snaga & Pillath, Manuellsen oder Brenna und Desasta.
Am 13. April erscheint sein lang erwartetes Solo-Debüt über Optik Records und Ercandize zeigt einmal mehr, dass er eine feste und verlässliche Instanz im deutschsprachigen HipHop ist. Zu seinen Ansichten und zum Album „Verbrannte Erde“ befragten wir ihn am Telefon.
 

Es wird allgemein gesagt: Gute Alben brauchen Zeit. Warum kommt dein Debüt erst jetzt?
 
Eigentlich habe ich viel released seitdem ich bei Optik bin. Ich habe angefangen mit der EP „Willkommen im Dschungel“, habe viele Gastbeiträge gemacht, war viel mit Savas, Caput und Amar im Studio. Ich habe viele Mixtapes gemacht, Auftritte, war mehrmals auf Tour. Dann kam noch das Crew-Album „Optik Takeover“, was ich quasi parallel zu meinem Album angefangen habe aufzunehmen…
Mein Soloalbum war so gesehen schon vor gut zwei Jahren fertig. Vor zwei Jahren im März habe ich angefangen und im Juni war ich fertig. Dann kam aber das „Optik Takeover“-Album dazwischen. Savas hat mir die Wahl gelassen, ob wir erst mein Album veröffentlichen oder „Optik Takeover“. Ich habe mich dann dafür entschieden, mein Album später zu releasen. Ich hatte damit die Chance, das Album noch mal zu hören – ich überlasse nichts dem Zufall! Nach der letzten Tour, also im November 2006 habe ich mich dann nochmal an mein Album gesetzt, Stücke runter genommen, neue Stücke aufgenommen, Sachen verfeinert, etc. Jetzt wäre ich unglücklich, wenn es vor zwei Jahren rausgekommen wäre. Ich bin jetzt zu hundert Prozent zufrieden.
Ich brauche immer ein wenig Zeit, gewisse Sachen zu überdenken. Auch auf dem musikalischen Weg: Einige Beats sind super krass und ich höre sie mir sehr gerne an, aber nach einer Woche ist dann die Luft raus. Deshalb bin ich schon dankbar für die Zeit, die ich dann noch hatte. Hat schon alles seine Richtigkeit so…
 
 
Ist dein Album deshalb zeitloser geworden?
 
Das auf jeden Fall! Wenn ich einen Hauptfokus hatte, dann war es der der Zeitlosigkeit. Mein letztes eigenes Release war „La Haine – sie nannten ihn Mücke“, was ziemlich genau vor einem Jahr rausgekommen ist, also im April 2006. Das war im Endeffekt auch ein Album – wir haben es Streetalbum genannt, weil wir gar keine Promo dafür gemacht haben und es einfach rausgehauen haben. Ich habe es mir sehr gerne angehört und kann hinter jedem meiner Songs stehen. Aber mit meinem Album kann man es nicht vergleichen.
 
 
Ein Song auf dem neuen Album heißt „Gutter Musik“. Wie ist das zu verstehen? Ist Gutter Musik mehr als Gangster- oder Backpacker-Rap? Geht es über HipHop hinaus?
 
Ja, schon. Es geht immer mal wieder durch die Medien, dass HipHop eine Bewegung ist oder ein Trend, der eh wieder vorbeigehen wird wie Techno im letzten Jahrzehnt. Ich habe immer das Gefühl, dass diese Musik nicht als herkömmliche Musik wahrgenommen wird, sondern irgendwie als Jugendquatsch, nach dem Motto: Lass die mal da ein bisschen rappen.
Der Song an sich schneidet das an. Rap ist – im Gegensatz zu vielen anderen Musikrichtungen – sehr dehnbar. Es gibt so viele Sparten: Es gibt Gangsterrap, es gibt Leute, die lustige Mucke machen, es gibt die Punchline-Leute; Leute, die durch Rap versuchen, politisch aktiv zu sein, Leute die einfach durch Rap ihre Probleme verarbeiten wollen, usw. Ich habe bei „Gutter Musik“ einfach mal aufgelistet, was mir in den Kopf gekommen ist. Und Rap hat ursprünglich etwas roughes, die Bass und die Snare sind harte, kantige Geschichten, Rapper sind harte Jungs…
 
 
Ein weiterer Song und auch Titel des gesamten Albums ist „Verbrannte Erde“. Ein Song, der überraschend anders ist, als der Songtitel vermuten lässt…
 
Der Titel stand schon lange bevor der Song an sich stand. Der hat ja schon einen negativen Touch. Es hört sich nach Zerstörung an. Vor zwei Jahren war der Battle-Gedanke eher im Vordergrund. Der Titel hat sich bei mir so gewandelt, dass jetzt ein extrem politischer und sozialkritischer Song dabei rausgekommen ist.
In der ersten Strophe geht es um die 1970er Jahre, die Studentenaufstände in der Türkei. Ich bin selbst davon betroffen, Freunde und Familie mussten flüchten, es kamen Leute ins Gefängnis, die nie wieder rausgekommen sind, es gab viele Tote wegen absurder Geschichten, weil man sein Wort gegen den Staat erhoben oder einfach Kritik geäußert hat.
In der zweiten Strophe überlagert sich das dann. Ich gebe Ansichten von mir preis. In der dritten spielt der Zeigefinger eine Rolle: Ich spreche meine Hörer direkt an. Man soll aufstehen und machen! Wenn ihr wollt, dass sich Dinge in der Welt oder der direkten Umwelt von euch ändern, dann müsst ihr aufstehen und bereit sein dafür zu kämpfen. Für viele Leute sieht es wirklich so aus, dass die Welt scheiße ist. Perspektivlosigkeit, viele Jugendliche bekommen keine Ausbildung. Ich will jetzt nicht die Welt verbessern – ich gebe einfach nur ein wenig von dem preis, was ich denke.
 
 
Wenn man in der Metaphorik des Titels bleibt, kann man auch argumentieren, dass verbrannte Erde guter Dünger für Pflanzen ist. Hat der Song auch eine positive Komponente?
 
Genau so ist es auch gedacht. Mit der Zeit ist die Bedeutung dazu gekommen. Es ist ja so, dass Bauern ihre Felder abfackeln, um neu zu säen. Dadurch entsteht etwas Neues, Großes. Ich sage ja: Schein auf die verbrannte Erde. Für viele ist die Welt nicht in Ordnung, aber man soll niemals die Hoffnung aufgeben. Denn Leute, die keine Hoffnung haben, haben sich selbst aufgegeben. Egal, wie tief jemand im Loch steckt oder in einer Krise. Es gibt immer einen Weg, wie man da wieder rauskommt. Mir ist es schon wichtig, durch die Musik etwas zu vermitteln oder Mut zu machen.
 
 
Du sprichst in deinen Songs von der Türkei – deine Heimat ist aber der Pott…
 
Ich bin nicht in der Türkei geboren, ich bin dort nicht aufgewachsen. Ich habe zwei ältere Schwestern, meine älteste Schwester ist noch in der Türkei geboren, meine Eltern sind Ende der  Sechziger Jahre hier her gekommen, Ende der Siebziger bin ich auf die Welt gekommen und ich bin im Ruhrgebiet geboren, aufgewachsen, das Leben hier hat mich geprägt. Das ist das, was ich in erster Linie verstehe und zu dem ich auch stehen muss.
Ich berufe mich auf meine Wurzeln, ich war sehr oft in der Türkei. Ich weiß damit umzugehen, aber es bringt ja nichts in Erinnerungen bzw. unrealen Dingen zu schwelgen. Die Türkei ist nicht vor meiner Haustür, vor meiner Haustür ist das Ruhrgebiet. Das ist im Endeffekt der Ort, an dem ich mich auskenne. Ich kenne die Leute hier besser als die Leute aus der Türkei, ausgenommen meine Familie. Deswegen: Wenn ich einen Ort hochhalte ist es der Ruhrpott. Ruhrpott ist mein Land. Ich berufe mich natürlich auch auf meine Nationalität, weil es auch eine große Rolle in meinem Leben spielt. Aber in erster Linie kann ich nur von dem reden, was mich auch tatsächlich umgibt.

 
 
Ist ein gesunder Lokalpatriotismus identitätsstiftend?
 
Auf jeden Fall!
Es heißt, dass Nationalstolz die primitivste Art von Stolz ist. Weil man sich einfach mit einer Fahne identifiziert – zum Teil mit der Fahne eines Landes, in dem man noch nie war oder einfach nur, weil man daher kommt. Das hat für mich schon leicht faschistoide Züge.
Ich bin schon lokalpatriotisch eingestellt. Aber ich sage das nicht einfach so, weil ich hier zufällig wohne. Ich habe ja meine Gründe. Aber trotzdem sollte man das nicht verwechseln: Wir sind keine HipHop-Nazis, die nur mit Ruhrpottlern was zu tun haben. Das Ruhrgebiet ist sehr bekannt dafür, auch durch Graffiti und Tänzer immer schon mit Berlin und Frankfurt connectet zu sein. Die Leute sind offen. Es gibt nicht: Ruhrpott und Restdeutschland. Wir mögen den Pott einfach als unsere kreative Umgebung.
 
 
Loyalität ist dir sehr wichtig?
 
Das ist eine Sache, die mir anerzogen wurde. Wenn du mit jemandem down bist, dann bist du mit ihm down! Es gibt kein Wenn und Aber. Und wenn sich Zwei streiten und du bist mit einem besser befreundet oder länger befreundet, dann hast du zu dem zu stehen. Es gibt keinen anderen Weg. Nenn es Engstirnigkeit oder Alte Schule. Aber ich bin halt so, wie ich bin. Ich habe es nicht anders gelernt.
Es gibt aber auch dort große Unterschiede: Es gibt die blinde Loyalität, von der ich nichts halte. Es sollte schon im Rahmen der Menschlichkeit ablaufen. Rapper, die ihre Teams ständig wechseln, sind meiner Meinung nach Teamhopper. Ich vergesse nicht, wem ich was schulde. Ich bin auch nicht kalt genug, um bestimmte Sachen zu meinem eigenen Vorteil zu nutzen. Solange ich mit meinem Gewissen im Reinen bin, ist alles okay.
Die Leute haben zu Savas immer gesagt: „Erst M.O.R., dann Eko, Taktloss, Ono,… Er macht nur zwei Jahre was mit den Leuten und schießt sie dann in den Wind.“ Ich bin mittlerweile seit vier Jahren mit Savas unterwegs. So lange Respekt auf beiden Seiten da ist, man sich über Probleme austauscht, sich natürlich auch mal in die Haare kriegt, aber auch so reif ist, über bestimmte Probleme zu reden, so lange geht es gut. Das ist wie eine ganz normale Beziehung zwischen Menschen. Ich sehe Optik nicht als Stufe zu irgendetwas Höherem. Optik ist die höchste Stufe, die ich erreichen konnte. Ich bin rundum glücklich…
 
 
Wie sind denn deine Erwartungen jetzt, was Kritiker und kommerziellen Erfolg anbetrifft?
 
Ich bin fernab davon, es jedem recht machen zu wollen. In meinem Freundeskreis erwarte ich auch eine wahre Meinung und die habe ich auch bekommen. Bei vielen habe ich die Erwartungen bei weitem übertroffen, einige fanden Songs nicht so passend, aber im Grunde ist die Stimmung sehr positiv.
Es ist auch ein sehr persönliches Album geworden und ich kann auch dazu stehen. Kommerziell kann ich es komplett nicht einschätzen. Es ist nicht darauf angelegt, größtmöglichen Erfolg zu haben. Ich will kein Megastar werden. Natürlich freue ich mich, wenn ich plötzlich 40. bis 50.000 Platten verkaufen werde. Ich will viele Platten verkaufen! Aber mit dem, was ich mache und nicht mit dem, was gerade in oder Trend ist. Für mich ist es wie ein Lottospiel. Entweder die Leute mögen mich oder sie mögen mich nicht. Wenn nicht, ist es nicht schlimm – es gibt ja noch genug andere Sachen.
 
 
Als Abschlussfrage etwas für unsere Push-Listen: Deine Top-5-Sneakers?
 
Die wechseln ständig. Aber ich würde sagen:
1.    Die schwarzen Jordan VI
2.    Die schwarzen Air Max B Charles Barkley von 1993
3.    Air Force One, weiß auf weiß
4.    Reebok Classic
5.    Schwarze Chuck Taylor
 
 
(April 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)