Drogenweisheiten
DrogenweisheitenSo schön sind sie, die Drogen. Jede Gesellschaft hat ihre Droge(n) und während der Alkohol in Deutschland jedes Jahr einen volkswirtschaftlichen Schaden von angeblich 40 Milliarden Euro verursacht und im Gegenzug nur 4 Milliarden Euro Steuereinnahmen einbringt, vergnügen wir uns mit Muttis Eierlikör. Flatrate versteht sich.
Zu viele Diskussionen um zu wenig Aufklärung. Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen. Alkopops und Flatrate-Saufen. Eine Million Alkoholiker in Deutschland. Rauchverbot überall. Bis auf die Ausnahmen: In Kneipen darf geraucht werden, in Discotheken nicht. Und wer entscheidet über die Bezeichnung oder Betitelung als „Kneipe“ oder „Discothek“?

Zuviel Halbwissen, das alleine schon high machen könnte. Doch es gibt etwas, das Klarheit (wenn man in Bezug auf Drogen von Klarheit sprechen kann?) in den vernebelten Bereich zurückbringt und gleichzeitig die gesellschaftliche Konstante huldigt: „Breites Wissen. Die seltsame Welt der Drogen und ihrer Nutzer“ von Ingo Niermann und Adriano Sack.
Ein Buch, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, ohne Belehrungen, Pamphlete oder Bekenntnisse auszukommen, sondern durch Anekdoten, Listen und Tabellen das gefährliche Halbwissen um Wissenswertes aus der Drogenwelt zu erweitern. Zum Beispiel, dass Spinnen bei niedrigen Dosen LSD ihre Netze ganz besonders gleichmäßig spinnen. Oder, dass man sich in Baden-Württemberg lieber nicht mit Haschisch erwischen lassen sollte, in Hamburg jedoch bis zu 20 Gramm straffrei bleiben. Erdloch- und Eimerrauchen werden erklärt und illustriert, Anti-Heroin-Songs zitiert, nachgerechnet, wieviel ein Vollrausch in Berlin kostet – mit Pilzen, Champagner, Ecstasy, Speed oder Kokain. Es wird über Hitlers Drogen geschrieben, die ihm als Medizin von seinem Leibarzt verabreicht wurden, Drew Barrymores Drogen-Exzesse, Eminems Ecstasy-Selbstauskünfte, David Bowies Flashbacks und mit wem Uschi Obermaier was nahm. Drogennutzer wie Jim Morrison, Jimi Hendrix, Kurt Cobain oder Janis Joplin, die allesamt mit 27 Jahren starben. Von Pablo Escobar und Christoph Daum; und der Leser erfährt, dass Manuel Noriega Ende 2007 aus dem Gefängnis in Miami entlassen wird. Es geht um Opium, Schmugglerrouten, Produktionsstätten, Drogen und Sex, Bierkonsum weltweit (Deutschland auf Platz 2 mit 115,8 Liter pro Kopf im Jahr 2004), Viagra, Crack, Arsen, PCP, Cannabis und die Mikrogramm Koks-Mengen, die in den Discotheken von St. Moritz nachgewiesen wurden. Höchstdosierungen, die überlebt wurden, „So baut man einen Joint“-Anleitung, Koffein, Lachgas, Muskatnuss, Tee, Red Bull, Wick Medinait, Ritalin, Tabak, die Haschisch-Sorten Schwarzer Afghane oder Grüner Marokkaner, Marihuana-Delikatessen und Space-Kekse. Ein erstaunliches Sammelsurium also, über das man sich auch nüchtern und völlig drogenfrei amüsieren kann.

„Drogen sind normal“ schreiben Ingo Niermann und Adriano Sack in ihrem toxikologischen Manifest am Ende des Buches. Und sie haben Recht. Der Genuss von Drogen ist gesellschaftliche Norm – und damit ist nicht der Vollrausch gemeint. Es sind die „künstlichen Paradiese“ von denen Baudelaire spreche, das Abschalten oder mal richtig Aufdrehen. Nicht mehr unbedingt als Rebellion,  sondern als Andersartigkeit für einen gewissen Zeitraum, als Urlaub.
Trüffelschweine sind geil auf Trüffel. Des Menschen vierter Trieb nach Nahrung, Schlaf und Sex sei das Rauschbedürfnis. Es muss nicht gleich „Fear and Loathing in Las Vegas” sein (ein Film der im Buch fehlt!) oder das Bedürfnis, sich aus dem Leben zu schießen. Aber ein unterhaltsamer, unverkrampfter Umgang mit Drogen tut gut in einer zunehmenden öffentlichen Debatte voller ad-hoc Politiker-Moralkeule, Pseudo-Anti-Drogen-Geschwätz, sich androhenden Gesetzen, Verordnungen, Verboten und Strafen.

Sido will sein Lied zurück – so heißt es in seiner Biographie. Damit meint er den Song „Endlich Wochenende“, der angeblich Drogenkonsum ohne kritische Haltung verherrliche und deshalb von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien verboten wurde. Eigentlich schade, denn genau dieses Lied beschreibt das Positive am Rausch. Und bei aller Gefahr, Drogen können auch für Glücksmomente sorgen. Wenn das nicht etwas Schönes ist…?!

 
(April 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)