Blumentopf
BlumentopfFür Nicht-Kundige der HipHop-Szene scheint das Wort „Blumentopf“ fern jeglicher Kompetenz im Bereich Deutschrap. Die Rapper in Deutschland haben sich jedoch mit dem Bandnamen abgefunden und nicht ein Mal fällt ein disrespektierliches Wort, was den Namen dieser Band anbetrifft: Blumentopf. Eine fünfköpfige Crew, bestehend aus vier Rappern und einem DJ, die sich bereits so sehr in diesem Genre etabliert hat, dass es geradezu obsolet wäre, auf ihren Namen zu sprechen zu kommen. Sich über ihn lustig zu machen, ist, wie Helge Schneider nachzuahmen. Gangsterrapper wie Medienschaffende haben sich mit dem Topf abgefunden – die Bandmitglieder sowieso – und gehen lieber auf die Essenzen ein, die der deutschsprachigen Rapmusik innewohnen. Nicht wenige von ihnen sind durch Blumentopf mitgestaltet worden, oder kamen zumindest in den Texten der Rapper zur Sprache, wie auch das Interview verdeutlicht, das wir mit Heinzmann, Wunder und Roger führten.
 
 
Seid ihr die letzte verbliebene HipHop-Boygroup?

Wir waren früher eine der wenigen Gruppen, die so viele Rapper hatten, das stimmt schon. Aber es gibt jetzt immer noch Gruppen. Snaga & Pillath zum Beispiel, Creme Fraiche – das sind jeweils zwei. Dreier gibt es wenig, da fallen uns jetzt kaum welche ein… Wir glauben aber nicht, dass es eine Entwicklung gibt, die bedingt, dass es jetzt mehr Solorapper gibt. Vielleicht ist das Gemeinschaftsgefühl weniger geworden. Aber dass die Gruppen kleiner geworden sind, ist uns gar nicht so aufgefallen.
 
 
Warum trennt ihr euch nicht und macht dann eine Reunion?
 
Heinzmann:
Das frage ich mich auch! Warum trenne ich mich nicht von denen und mache meinen eigenen Scheiß!? Nein, im Ernst: Es macht einfach Spaß, mit den anderen Vieren Musik zu machen und das geht den anderen, glaube ich, genauso. Jeder macht ein bisschen Solokram vor sich hin. Was cool ist, weil es etwas Neues ist; weil nicht vier Leute dabei sind, die alle ihren Senf dazu geben und sagen: „Ah nee, überleg doch noch mal.“ Aber wir haben noch nie wirklich über eine Trennung nachgedacht – allerdings ist es in der Öffentlichkeit besser, wenn man das ein bisschen offen hält. Blumentopf ist eine Crew und bleibt eine Crew! Das schließt aber nicht aus, dass es nicht auch Solosachen der einzelnen Mitglieder gibt.

 
Wie hat sich euer musikalischen Verständnis über die Jahre – von „Abhängen“ bis „Musikmaschine“ – verändert?

Vor allem hat sich alles geändert! Wir sind jetzt zehn Jahre älter geworden. Wir haben angefangen da waren wir 18, 19. Jetzt sind wir alle schon über 30. Da passiert auch viel, wenn man nicht rappt! Und das fließt natürlich auch in die Musik ein.
Musikalisch ist es so, dass mittlerweile jeder die Finger ein wenig reinsteckt. Bei den Beats ist jetzt wirklich ein Competition aufgekommen. Wir machen sie zusammen, aber jeder versucht, die geilste Snare noch draufzusetzen. Wir haben deshalb viel mehr zum Aussuchen, spielen Instrumente auch selbst ein. Von der Arbeitsweise hat es sich doch sehr verändert. Früher waren darauf angewiesen, dass wir ein cooles Sample finden. Ganz am Anfang war einfach nicht mehr drin, als das zu loopen. Dann kam die nächste Stufe, es kamen extra Sounds. Heute gibt es auch Lieder, die gar kein Sample haben. Wir können viel freier arbeiten… und es ist musikalisch vielfältiger geworden.


Wie seht ihr die Entwicklung des deutschen HipHop im Allgemeinen?

Wir machen immer noch, worauf wir Bock haben! Es gibt natürlich viel mehr Gruppen und es gibt Phasen, in denen eine bestimmte Art von Rap gerade angesagt ist, die Medienaufmerksamkeit bekommt und der gerade am erfolgreichsten ist. Da haben wir schon einige Phasen miterlebt. Zur Zeit ist es die Asso-Schiene, die nicht unbedingt unsere ist. Was wir hauptsächlich sehen ist, dass die Rapszene sehr breit aufgestellt ist. Du hast alles: Es gibt viele, die neu einsteigen und das imitieren, was gerade angesagt ist. Aber es gibt auch genug Leute, die gefestigt sind und es lange schon selber machen, ihr Ding durchziehen, egal, was die anderen machen. Solange coole neue Crews rauskommen – wie Creme Fraiche zum Beispiel – ist es alles gut für uns.
Wir haben sehr viele Gruppen kommen und gehen sehen. Es gibt wenige Gruppen, die das so beständig machen wie wir. Aber es ist sehr cool, wenn wir die auf Konzerten treffen. Wir haben vor so langer Zeit angefangen und es ist manchmal schon wie ein Alte-Herren-Treffen.



Habt ihr eigentlich indirekt zu „Mein Block“ von Sido beigetragen?

…auch zur gleichnamigen Fernsehserie von MTV! Eigentlich ist es Manuva von Total Chaos zu verdanken – der hat den Chorus gemacht. Das hat echt eine Welle losgetreten! Wir waren nicht die ersten auf der Welt, die „Mein Block“ gemacht haben. Aber es war in Deutschland so’n Ding, bei dem jeder gedacht hat: „Oh, das hätte ich auch gerne gemacht!“ Sido hat es sehr gut gemacht. Man kann also sagen: Wir haben ihn inspiriert zu seinem besten Song.
Für das nächste Album machen wir auch wieder so einen Song, den dann alle machen dürfen…



Wie steht ihr zu legalen und illegalen Downloads und was denkt ihr über Verkaufszahlen?

Wer Gold verkauft ist uns Wurscht! Wir verkaufen Musik! Bei den Konzerten war es immer schon so, dass ein paar Leute kommen.
Die Plattenverkäufe sind schon zurück gegangen. Aber so lange wir vor einem vollem Haus spielen können, ist es echt egal, wie viel wir verkaufen – das darf jetzt natürlich die Plattenfirma nicht hören! Wenn du deinen Marktwert wissen willst: Wir steigen ja immer noch sehr gut in den Charts ein. Insgesamt sind halt die Verkäufe gesunken, „Großes Kino“ ist unsere bestverkaufte Platte. Aber da war der Plattenmarkt auch noch ein anderer. Ob wir auf 100 oder auf 55 einsteigen, ist egal. Wenn, so wie heute, in Hamburg 900 oder 1000 Leute kommen, ist das einfach geil für uns. Wenn beides schlecht ist – da machen wir uns nichts vor, dann wird’s schwierig.
Zum Thema Downloads: Man kann’s halt nicht ändern. Man muss versuchen, das positiv zu nutzen. Und was cool ist, dass man den Leuten das Zeug zugänglich machen kann: Auf die Homepage gehen, reinstellen, Newsletter rausschicken: Wir haben einen neuen Track gemacht. Und innerhalb von fünf Sekunden hast du es den Leuten zugänglich gemacht. Das ist, was man nutzen sollte und das machen wir.


Thema Fußball-WM – ihr durftet für die ARD Zusammenfassungen der deutschen Spiele in Rapform machen. Deutschland ist jetzt Handballweltmeister geworden. Wie ist euer Bezug zu Sportarten?

Wir sind alle große Sportfans. Der Wunder fährt immer noch Skateboard, er war heute in der I-Punkt-Halle. Der Heine will noch Snooker-Profi werden, in Dart sind wir sehr gut und Fußball ist eine große Leidenschaft. Curling haben wir sogar schon Mal gespielt. Für den Schuh ist – wenn man’s noch Sport nennen kann – Poker das Ding. Es macht ihn hoffentlich nicht ganz arm. Er ist auf jeden Fall groß eingestiegen.
Was geil beim Sport ist: Du musst auf den Punkt deine Leistung bringen. Und oft sind es nur absolute Nuancen, die über Sieg oder Niederlage entscheiden. Und jetzt kommt die Parallele zur Musik und zu uns: In der Musik ist es genauso, dass es oft nur die Kleinigkeiten sind, die es ausmachen. Entweder passen sie oder sie passen nicht. Und man kann Musik nicht lenken. Manchmal stimmt der Vibe, man catcht ihn, nimmt was auf, was zum Schluss der Wahnsinn ist…


 
Ihr seid nicht beim Rapquartett vertreten…

Nein, aber dafür gab es keinen konkreten Grund. Aber als Band passte das vielleicht auch nicht?
Roger:
Ich würde HipHop-Memory toll finden. Vor allem mit großen Gruppen, zum Beispiel mit dem Wu-Tang Clan: „Ah, da war glaube ich Method Man.“ Das wäre lustig… „Dieser Eminem – immer kommt er dazwischen.“ Oder Chris und Mar von den Stieber Twins auseinander zu halten…



Nochmal zum Sport: Was wäre passiert, wenn Deutschland das Finale erreicht hätte?

Wenn es das Finale gewesen wäre, hätten wir auf der Fanmeile gespielt. Was für uns das Krasseste gewesen wäre. Es war aber jetzt nicht schlimm, dass es nicht so gekommen ist. Schlimmer war, dass Deutschland nicht im Finale war.
Aber das ist schon eine ganz andere Dimension. Auch für den Xavier Naidoo war das bestimmt ein Flash. Und Schuh wäre bestimmt ohnmächtig geworden. Uns hat es schon gereicht, dass Miroslav Klose gesagt hat, dass wir in seiner Top Ten sind, weil er nie gedacht hätte, dass er in einem Lied erwähnt wird. Das waren schon große Momente…

 

Seid ihr die „funny Freestyle Rapper vom Blumentopf“?

Roger:
Das hat der Samy irgendwo gesagt…?!


Ja, auf dem „Baus of the Nauf“-Mixtape.

Wunder ist der Klaus of the Saus…
Freestyle ist so’n Ding, bei dem du mit den Leuten zusammen arbeitest. Wir haben lieber eine gute als eine schlechte Stimmung. Und es ist so, dass wir mit den Leuten eine Party feiern wollen und wenn ihnen Party zu uncool ist, dann sollen sie doch bitte zu Hause bleiben. Wir sind lieber die funny Freestyle Rapper, als die Rapper, die auf der Bühne alle zerstören.
Wunder:
Aber Sam ist doch auch ein funny Freestyle Rapper! Die Punchlines, die gut sind von ihm, die basieren auch immer auf einem Witz. Freestyle lebt von der Situation und der Situationskomik. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand einen richtig guten Freestyle macht, ohne Humor darin. Dann kann mich jemand höchsten technisch total beeindrucken.
Roger:
Battle ohne Humor ist richtig schlimm! Die Zeilen, die dann ziehen sind mit Humor. Savas-Zeilen, Snaga & Pillath-Zeilen, auch Samy-Zeilen, die lustig sind. Man will seinen Gegner ja cool verarschen. Das ist der Sinn von Battle-Rap: Ihn blöd dastehen zu lassen. Wenn du den riesen Typen mit einer Zeile wie eine Witzfigur dastehen lassen kannst, dann bist du einfach der Chef.


 
Thema Politik – euer Landesvater scheidet aus jetzt dem Amt…

Roger:
Ich kann mir die Tränen kaum verkneifen. Da gibt’s aber nicht zu sagen: Ja, endlich. Sondern es ist eher so: Geht der eine, kommt der nächste.
Wunder:
An solchen Sachen siehst du, dass Macht süchtig macht. Die Leute bekommen ihre Bestätigung dadurch, dass sie mächtig sind. Es ist schwer zu erkennen, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist, mit Anstand zu gehen. Da kann ein Trauerspiel dabei herauskommen. Das ganz Traurige daran ist, dass in einer Partei wie der CSU, die in Bayern seit 50 Jahren die absolute Mehrheit hat, einfach demokratisch einiges im Argen liegt. Demokratie ist eine Sache – die Leute, die Partei wählen zu lassen. Aber die andere Sache ist, dass Demokratie ja auch innerhalb der Partei stattfindet, dass heißt auch in der Partei muss der Chef demokratisch gewählt und legitimiert sein. In der CSU hat es sich aber eingespielt, dass ein elitärer Zirkel herrscht, der bestimmt. Es geht nicht nur um die sogenannte „Pauli-Affäre“. Es wirft ein schlechtes Licht auf die CSU, aber es wirft auch ein schlechtes Licht auf die Demokratie im Allgemeinen.
Leider betrifft das nicht nur die CSU und das hat auch viel zu Politikverdrossenheit geführt. Im Bundestag herrscht auch bei jeder Kleinigkeit Fraktionszwang. Jeder Abgeordnete ist vom Wahlkreis gewählt, sich und seinem Gewissen verantwortlich. Aber in der Praxis sieht es so aus, dass der Parteivorstand irgendwas entscheidet und dann sagt, dass das die Parteilinie ist und dann Einheit und Geschlossenheit demonstrieren möchte. Jeder der dagegen stimmt, hat keine Chance mehr auf Karriere in der Partei und bekommt Probleme. Das ist meiner Meinung nach nicht, wie es eigentlich gedacht war und ablaufen sollte.
Parallel dazu ist es nicht mehr nur der Parteivorstand, sondern es sind immer mehr externe Gremien, die beauftragt werden. Da gibt es dann die So-und-So-Kommission, die setzt der Parteivorstand ein, die arbeiten irgendwas aus, dann wird es den Parlamentariern vorgelegt und im Bundestag dürfen die das dann abnicken… jetzt habe ich ein bisschen weiter ausgeholt. Aber: Es ist nicht optimal!



Was bringt die Zukunft für den Topf?

Die Zukunft beginnt im Frühling 2007. Und der Frühling bringt unsere neue Single. „Die City schläft“: Wir haben vier Live-Mitschnitte, außerdem ein exklusiven Download „Was du brauchst“, es gibt ein Zusatzkonzert im April in der Muffathalle und in der näheren Zukunft kommen die Festivals im Sommer. Wir haben unsere Band mit im Gepäck. Wir sind acht, neun Jahren mit DJ-Set aufgetreten, was auch cool war. Aber vor anderthalb Jahren haben wir entschieden, dass wir das mit der Band machen müssen… Und die Soloplatte vom Roger kommt auch noch dieses Jahr.


Habt ihr noch „berühmte“ Schlussworte?

Roger:
Blumentopf ist voll geil! Nein, Schmarrn…
Glaubt uns nichts, und den anderen auch nicht!

 
(März 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)