| Rasensport / Kick-Kunst |
Der Rasensport Fußball war die letzten Monate das Thema schlechthin, er bewegte Fachleute und Feuilletons, die ganze Nation ist im Schwarz-Rot-Goldrausch. Nun nähert sich die Fußballweltmeisterschaft dem Finale und bis zur EM 2008 wird die Euphorie dem Standard-DFB-Betriebsklima weichen. Was bleibt? Geschichtsträchtige Statistiken, meine Ergänzung der Floskeln-Sammlung und die Erkenntnis, dass Fußball viel mehr als nur ein Spiel ist. Dies beweisen auch die drei Veröffentlichungen aus dem Gestalten Verlag…Es spielen die Hamburger „Ball im Kopf – Kult ums Kicken“ gegen „Play Loud!“ aus Madrid. Schiri dieser Partie ist das Designbureau KM7, das mit „KM7 Kicks – The fine art of playing ball“ um die genausten Regelauslegungen weiß.
Anpfiff. Der Schiri gibt den Startschuss und „KM7 Kicks“ zeigt uns ab Seite 58, was es zu beachten gilt, wenn der Schiri Handbewegungen vollführt. Das ist wichtig, denn „wer gedacht hat, Spieler, Trainer oder gar Schatzmeister wären die entscheidenden Figuren im Fußballsport, liegt völlig falsch. Der unumschränkte Herrscher auf dem Spielfeld ist der Schiedsrichter. Er kann ganze Partien mit einem Pfiff entscheiden. Er bringt den Ball aufs Feld und nimmt ihn nach Spielschluss wieder an sich. Er ist der wahre König des Fußballs und seine Assistenten am rechten und linken Spielfeldrand sind mächtige Fürsten.“ Wohl wahr. Doch „Play Loud!“ verlassen sich nicht nur auf die Schiedsrichterleistung und ihr Können, sondern verweisen bereits auf den ersten Seiten auf den Fußballgott, von dem sie sich natürlich wünschen, dass er der Mannschaft gnädig ist. „Ball im Kopf“ verlässt sich ganz auf das Gehirn im Fuß, wie Seite vier und fünf anschaulich zeigen. Sie können außerdem durch einen sehr ansehnlichen Fußball, ästhetisch überzeugen: Ab Seite 30 zeigt „Ball im Kopf“ die Alternativen für das FIFA Fußballweltmeisterschaftslogo 2006 – nicht erst jetzt fragt man sich, wie es dieses ekelhafte Logo geschafft hat, sich durchzusetzen. Das muss Fußball sein, nicht immer gewinnt der Bessere.
Die beiden Teams „Play Loud!“ und „Ball im Kopf“ beschäftigen die grandiosen „Member of the Oberliga“, die Mannschaftskameraden scheinen sich zu kennen. Doch nur „Play Loud!“ schafft es, seine Ausnahmespieler perfekt in Szene zu setzen und erzielt das erste Tor. 1:0 für „Play Loud!“. Die Mannschaft geht weiterhin bildgewaltig voran und versucht mit „Hooligans United“ die liebevollen Fanartikel von „Ball im Kopf“ anzufeinden. Der Schiri muss eingreifen, zeigt auf Seite 102 die Maskottchen der letzten Weltmeisterschaften und schlägt sowohl Fans als auch Hooligans in die Flucht. „Ball im Kopf“ lotst die Fans wieder auf die Tribünen, weil sie anschaulich zeigen, dass ein Prozent der deutschen Bevölkerung im Dortmunder Westfalenstadion Platz findet. Kein Vorteil auf dem Rasen, aber zumindest steht ihnen das Publikum zur Seite. „Play Loud!“ stampft voran, blendet den Gegner, irritiert durch Farbspiele und kann durch sein Lindedesign Ballmonster auf Seite 57 (das ihr im Übrigen auch als Pushcover dieser Ausgabe bewundern könnt) ein weltklasse Tor erzielen. 2:0 führt „Play Loud!“ zur Halbzeit.
Der Schiri „KM7 Kicks“ weist die Offiziellen in der Pause noch einmal ein, regelt die unangekündigten Drogentests und erklärt wichtige Details: „Der Körper von Fußballern besteht zu neun Zehnteln aus Sehnen, Bändern und Knorpeln. Diese werden spätestens im Spiel, oft aber auch schon im Training, gedehnt, gezerrt oder gleich ganz abgerissen. Das führt dazu, dass die Spieler humpelnd das Feld verlassen, um sofort die Praxis von spezialisierten Orthopäden aufzusuchen. Die wichtigste Aufgabe der Ärzte ist es nun vorherzusagen, wie viele Wochen der Spieler mindestens ausfällt.“
Kaum ist die zweite Halbzeit angepfiffen, begeht ein Spieler von „Play Loud!“ ein schweres Foul im Strafraum, in dem er Karten abdruckt, die England als Fußballweltmeister 2006 anpreisen. Der Schiri entscheidet auf Strafstoß, den die „Ball im Kopf“-DVD, quasi der Einwechselspieler, routiniert verwandelt. 2:1. „Ball im Kopf“ versuchen alles, um noch den Ausgleichstreffer zu erzielen, doch „Play Loud!“ können mit dem Ball umgehen, was nicht nur die künstlerisch designten Fußbälle auf den letzten Seiten verdeutlichen. Großartige Ballkünstler bleibt einem da nur zu sagen. So retten sich „Play Loud!“ über die Zeit, gewinnen aufgrund der größeren Ausführung im Format (24 x 28 cm), doch müssen bei einer fehlerlosen Schiedsrichterleistung auch den Gegnern Respekt zollen.
Klasse Fußball, große Kunst. Das Publikum ist begeistert. Dem Trikot-Tausch steht nichts mehr im Weg, und wer ein wenig mehr als nur schlechte Frisuren in Panini-Sammelalben anschauen möchte, dem seien für die Nachspielzeit alle drei Bücher ans Herz gelegt.
(Juli 2006, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)
|