Disco Boys
DiscoboysDas glorreiche Disco-Zeitalter schien eine zeitlang im Winterschlaf. Doch mittlerweile ist in jedem Club eine Discokugel zu sehen, Justin Timberlake zerstört sie auf seinem aktuellen Cover, Jan Delay trägt sie wie eine Fußfessel. Selbst im Theater findet man heutzutage die Discokugel, die symbolisch thront und so in die Clubkultur integriert wirkt, als wäre sie mit dem Aufkommen von Tanzveranstaltungen erfunden worden.
New Rave, Electro und House-Produktionen erfrischen den Markt der Tanzmusik und bewirken einen Hype um Labels und DJs, wie es ihn seit der Love-Parade-Phase Mitte der 1990er Jahre nicht mehr gegeben hat.
Doch während sich der Techno-Trash in Gabba verwandelte und nur noch albern herumwabert in unerträglichen BPM-Gedröhne und Ecstasy-Rausch, ist der neue Sound soulig, warm, trotzdem glamourös und vor allem partytauglich. Unnahbar durch die Wahl der Klamotten und Sonnenbrillen, doch stets unprätentiös, geben sich die Disco Boys, die den wohligen House-Sound so gut treffen, dass sie regelmäßig die Clubs ausverkaufen und vor dem Eingang des Mandarin Kasinos in Hamburg Schlangen entstehen lassen, die die halbe Reeperbahn hochgehen.

Die Discothek ist wieder ein Begriff, den man dem Wort „Club“ vorziehen möchte, sieht man die Begeisterungsstürme, die die Disco Boys mit dem Auflegen auslösen.
Auch für die neuen Songs und Remixe gehen wir von gutem Zuspruch der Discogänger aus und ließen deshalb die eine Hälfte der Disco Boys, Gordon, weiter im Studio tüfteln, während wir Raphael interviewten.


Dem Publikum wollt ihr eure Definition von House näher bringen – ist euch das bisher gelungen?

Ich glaube ja, denn wir wollen ja nicht, dass die Leute nachher zwischen den vielen Experten-Definitionen über Musikbescheid wissen, denn sie sollen die Musik verstehen, die wir spielen. Wie sie das nennen ist uns egal.


Liegt es an eurer Definition, dass eure Gigs stets ausverkauft sind?

Vielleicht eher an der Art der Präsentation. Der Mix, die Dynamik, das Gesamtkonzept.

 

Wie lautet die Definition?

Wir versuchen den Nerv zu treffen, mit einer Mischung aus einem marschierenden Groove, einem Bass, der in die Magengrube geht, ab und zu ein paar Vocals, vielen Samples, und einer Mischung aus den Vorläufern von House und Electro, sofern es eine Seele in Form einer erkennbaren Melodie hat. Auf keinen Fall wollen wir die Welt verändern oder die Eltern provozieren.


Ständig Manfred Mann zu covern liegt nicht in eurem Interesse – würde solch ein "Mainstream-Verhalten" das Publikum verderben?

Unabhängig davon, dass die meisten Manfred Mann und dessen Singles gar nicht kennen, ist es nicht unsere Einstellung und es wäre auch zu einfach. Dann würden auch die Recht bekommen, die uns schon immer in eine Schublade gesteckt haben, aber noch nie wirklich wussten, was wir eigentlich machen. Durch ein Musik-Konsumverhalten wie z.B. Deutschland sucht den Superstar leben viele sowieso schon in der Total-Illusion. Da wollen wir dann doch noch etwas Intelligenteres anbieten.


Welches sind eurer Meinung nach die größten Einflüsse auf die House-Kultur heutzutage?

Der Disco-Groove, die Schwulen-Szene in den USA Anfang der 80er Jahre und der allgemeine Trend in Richtung Romantik, der sich in einer Musik für die Seele und fürs Herz widerspiegelt.


Wie sieht die Zukunft von House aus?

Wenn ich das wüsste.


Wo liegt die Zukunft? Welches Land, welche Gruppe kreiert momentan die interessantesten Sounds?

Seit einiger Zeit wurde die Spitzenposition der Franzosen mit ihrem Daft-Punk-French-House durch die sogenannte Schweden-Mafia um Axwell, Ingrosso, Prydz, Agnello abgelöst. Das ist momentan der führende Club-Sound im House-Bereich.


Wie seht ihr die Clublandschaft in Hamburg und wie sieht es weltweit aus?

Da wir selten in Hamburg unterwegs sind, kann ich das gar nicht so genau beschreiben. In den letzten Jahren sah es aber wohl nicht so rosig aus. Jedenfalls hatten wir Schwierigkeiten, einen passenden Laden zu finden, der zu uns und der Anzahl unserer Gäste passt. Auch jetzt stehen bei unseren Gigs in Hamburg Hunderte vor der Tür, aber wir wüssten nicht, in welchen größeren Laden wir gehen könnten. In jedem Land gibt es eine eigene Clubkultur. In China waren wir zum Beispiel sehr über den absolut neuesten technischen Standard der Clubs überrascht und die Begeisterungsfähigkeit der Gäste.


Die Clubbing- bzw. Disco-Kultur – warum ist das so wichtig für die Menschen?

Es ist ganz einfach ein Ort, wo man miteinander kommunizieren kann. Da es laut ist, muss man nicht unbedingt reden, sondern kann sich anders mitteilen. Die bestimmte Musik ist schon mal der erste gemeinsame Nenner.


Inwieweit ergänzen sich Musik und Rauschzustände, z.B. durch Alkohol oder andere Drogen?

Da ich in Sachen Rausch absolut abstinent bin, kann ich dazu aus eigener Erfahrung nichts sagen. Ich denke aber, dass sich das schon irgendwie ergänzt, wobei am Ende wahrscheinlich auch egal ist, welche Musik läuft.

Man hat das Gefühl, dass sich die Menschen gerade bei euch wohl fühlen, gehen lassen können, tanzen. Gibt es einen Hauptunterschied zu anderen DJs oder auch Musikrichtungen, die Clubbing anders definieren?

Vielleicht bieten wir neben der Musik an sich etwas mehr, womit man sich identifizieren kann. Sicher sind wir durch unsere Unverwechselbarkeit in Namen, Aussehen und ursprüngliches Konzept den meisten besser im Gedächtnis und eventuell vermitteln wir besser, dass wir uns nicht auf Biegen und Brechen selbst verwirklichen wollen.

Mit welchem Equipment arbeitet ihr, auf der Bühne und im Studio beim Produzieren?

Da sind wir ganz konservativ. Im Club meistens mit dem Pioneer Mischpult DJM 800, den Plattenspielern Technics 1200 MK II, und den Pioneer CD-Playern CDJ 1000. In den Studios, in denen wir arbeiten, wird hauptsächlich mit der Logic-Software gearbeitet.

Wonach sind eure Platten sortiert? Alphabetisch? Jahreszahlen? Musikrichtungen?

In der Regel sind sie chronologisch von hinten älter nach vorne neuer sortiert, und zusätzlich noch jeweils grob nach Musikrichtungen.


Der Versicherungswert eurer Platten ist wie hoch?

Der Sachwert ist unerheblich und muss nicht versichert werden. Der ideelle Wert ist nicht ersetzbar.

 

Sind schon mal eure Plattencases bei Reisen oder am Flughafen verloren gegangen bzw. nicht angekommen? Was dann?

In den letzten Jahren ist der Schnitt des Nichtmitkommens wundersamerweise besser geworden. Aber in den letzten Jahren sind bei einem Schnitt von ca. 130 Flügen pro Jahr ungefähr fünf Mal die Platten nicht angekommen. Zu einem Teil kamen sie dennoch rechtzeitig an durch eine spätere Maschine und einen Kurier am Ort des Gigs, zum Teil aber auch erst Tage später. Da wir zu zweit sind, ging das dann immer irgendwie. Dass die Platten ganz weg waren, ist aber noch nie vorgekommen. Oft nehmen wir sie auch als Handgepäck mit an Bord.


Die Top-5 der Locations, in denen man mit den Disco Boys feiern sollte?

3001, Düsseldorf
Mandarin Kasino, Hamburg
Djagilev, Moskau
Liquid, Bern
U60311, Frankfurt

 

(Juni 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)