 Während eine Robbie Williams DVD oft nur ein Konzertmitschnitt und ein paar Backstage-Bilder beinhaltet, war ich schon von dem Promoexemplar der ersten Beginner DVD begeistert. Die vollständige DVD wird neun Stunden Material umfassen, darunter Live-Mitschnitte, alle Videos und Making Ofs, Tourberichte und ein sehr unterhaltsamer Beginner-Geschichtsabriss. Aufnahmen von 1991 mit Torch auf der Bühne wechseln sich mit Torchs gefilmten Kommentaren von heute ab, und so manch anderer HipHop-Pionier kommt ebenso zu Wort und kann zufällig im Bildhintergrund entdeckt werden. Diese DVD macht Spaß und liefert wirklich eine Menge an Filmmaterial, was laut Denyo vor allem DJ Mad zu verdanken ist:
„Ich glaube, es ist typisch für DJ Mad, immer eine Kamera mitzunehmen. Ihm haben wir echt sehr viel von dem DVD-Material zu verdanken. Schon vor 13 Jahren, als wir angefangen haben, hatte er schon immer seine Handkamera mit dabei und alles dokumentiert. Auch die ganzen alten Fotos, Demobänder und so fliegen bei mir irgendwo rum und vergammeln, während Mad alles beschriftet und archiviert hat. Deshalb war es eigentlich erst möglich die DVD zu machen.“ Ob man sie mag oder nicht, die Beginner waren musikalisch im deutschsprachigen HipHop wegweisend und sie werden es auch sein, was den Inhalt von Künstler-DVDs anbetrifft. Grund genug die drei Hamburger Jungs einmal bei ihrem Label Buback zu besuchen.
DVDs rauszubringen ist gerade im Trend. Zieht ihr da mit?
Mad:
Also, in der Musikwoche stand, dass der Musikvideomarkt momentan der Markt mit der größten Wachstumsrate ist. Deshalb hat uns unsere Finanzabteilung geraten, auch schnell mal damit um die Ecke zu kommen!
In Wirklichkeit ist es so, dass wir jetzt der Meinung sind, dass wir an einem Punkt angekommen sind, wo wir genug Material haben. Die Bandgeschichte ist jetzt komplett, mit einem Anfang... und nicht mit einem Ende.
Ja, genau das ist die Frage! Ist es mit den Beginnern zu Ende?
Mad:
Nee nee, natürlich nicht, wir haben jetzt nur so einem Pausepunkt, wo wir gerade alles fertig haben und darüber berichten können.
Denyo:
Es passt wieder mal alles gut zusammen. Und dass sich gerade DVDs gut verkaufen, passte natürlich auch ganz gut. Wir schließen damit jetzt die Epoche Blast Action Heroes erstmal ab.
Eißfeldt:
Das Ding ist auch dass wir, weil wir so viele geile Videos gemacht haben und so viel erlebt haben, jetzt schon seit fast fünf Jahren von der DVD reden und ständig Ideen im Hinterkopf haben. Und es war klar, dass wenn das dann passiert, dass da wirklich alles raufkommt und es das Ultimum wird. Danach wird es erstmal 10 Jahre keine weitere DVD geben, wir fangen jetzt wieder an alles zu sammeln.
Mad:
Eigentlich sind zwei Faktoren Ausschlag gebend gewesen: Erstmal haben wir von Anfang an extrem viel Aufwand in unsere Videos gesteckt, das war immer Teil unseres eigenen kreativen Outputs. Man kann uns nicht auf die Musik reduzieren. Uns hat auch irgendwie schon immer gärgert, dass man die nur ab und an mal im Fernsehen gesehen hat. Aber ein Video ist eben genauso wie ein Musikstück ein künstlerisches Produkt von uns, das wir den Leuten auch gerne geben wollen. Natürlich wollen wir das auch gerne verkaufen, weil die Videos sehr viel Aufwand, Arbeit und auch Geld gekostet haben.
Der zweite wichtige Faktor ist unsere Live-Performance, von der wir immer wieder zu hören bekommen, dass die so toll wär. Die Blast Action-Tour ist definitiv unsere interessanteste Show, weil wir eben aus dem größten Pool von Stücken schöpfen konnten. Wir dachten einfach, dass das die Live-Show ist, die es auch wert ist durch eine DVD geehrt zu werden.
Zum Thema Videos nochmal. Mad, Du hast ja auch viele Videos mit anderen gemacht. Magst du nochmal einen Überblick geben, was das alles war?
Mad:
Ja, ich habe so im großen Deutsch-HipHop-Hurra-Boom 2001, als die ganzen großen Majors wie die Geisteskranken gesignt haben und Geld für Videos ausgegeben haben, viel gedreht. Streckenweise für gute Sachen, aber auch für ...naja geht so. Also, mein erstes Video war für Nico Suave, das fand ich sehr gut. Dann die Underdog-Crew Rostock, das Video ist superlustig. Chain Gang Slang mit Schnabel und Illo, City Nord und Gary, die Band von Robert Stadtlober... und Raptile habe ich mal ein Video verpasst, das wahrscheinlich von keinem Raptile-Fan als sein Video erkannt werden würde. Aber die wirklich irren, wahnsinnigen Ideen, die vielleicht auch mehr Geld kosten, landen natürlich bei uns. Erstmal, weil ich natürlich die besten Ideen für meine Band will, aber klar auch wegen dem Umstand, dass andere nicht die Eier haben, sowas tatsächlich durchzuziehen. Das ist tatsächlich so. Ich habe auch schon für andere Bands Treatments und Konzepte geschrieben, die abstrakt und komplex waren, aber viele haben dann echt Schiss bekommen, dass das nachher nicht auch garantiert auf VIVA läuft.
Bist du denn für eure Videos auch der Regisseur?
Mad:
Natürlich, für alle neuen. Die Kameraleute werden je nach Zielsetzung ausgesucht, wenn das zum Beispiel wie bei Jan´s „Ich möchte nicht, dass ihr meine Lieder singt“ eher Dokumentar-Charakter haben soll, filme ich auch selber. Das Video haben wird mit drei Mini-DVs gedreht.
Denyo:
Wieviele Megapixel?
Mad:
Kannst ja mal ausrechnen, bist ja gut in Mathe. Also, das ist eben immer sehr Projekt bezogen. „Füchse“ zum Beispiel lebt von seinem Look, da ist der Kameramann extrem wichtig, weil der eben die künstlerische Arbeit am Bild leistet. Das war Martin Ruhe, mit dem haben wir drei oder vier Clips gedreht, der ist echt ein unglaubliches Talent.
Eißfeldt:
Der hat das mit seinem Nokia-Handy gedreht.
Wie ist es denn mit Film im Allgemeinen?
Mad:
Film interessiert mich, aber Musikvideos sind meistens schon so komplex und arbeitsintensiv. Rein von der Anstrengung her sind das echt die schlimmsten Momente meines Lebens gewesen. Nach dem Fäule-Clip bin ich nur noch auf allen Vieren in meine Wohnung gekommen, weil ich die Treppe nicht mehr raufgekommen bin.
Denyo:
Ohh....
Mad:
Das ist ein Fakt! Also, wenn Videos bei uns schon so ausarten, will ich gar nicht wissen, was ein Spielfilm bedeuten würde! Herr der Ringe hätte ich körperlich sicher nicht ausgehalten.
Ist das sowas wie ein zweites Standbein oder Zweithobby für dich?
Mad:
Es ist auf jeden Fall mein Zweithobby, ich hätte es auch gern als mein zweites Standbein, aber aufgrund der allgemein bekannten finanziellen Krise in der Musikindustrie, ist die Möglichkeit extrem gering, daraus einen Job zu machen, mit dem man sein Leben bezahlen kann. Bei einem Budget von 20.000 Euro, auch wenn das nicht wenig ist, muss man auf alternative Ideen kommen. Da bin ich zwar verhältnismäßig gut drin, aber da müssen eben auch die Anderen mitspielen: Die Bands und vor allen Dingen auch die Musiksender, die nicht die Idee hinter einem Video sehen. Aber ich drehe gerne Videos. Für alle Bands, die eins haben wollen – ich bin da!
Im Jahresrückblick gesehen, gab es relativ viele Erfolge mit anspruchsvoller Musik. Ihr wart auf Eins, Samy auf Zwei, Gentleman und Max auf Eins...
Denyo:
Die ganzen Einser, das ist echt geil und freut einen auch derbe, weil die´s echt verdient haben. Aber man darf nicht vergessen, dass die Plattenverkäufe generell so runtergegangen sind. Das sind alles Bands, die eine Fanbase haben. Das sind ungefähr genau so viele Leute, wie vor vier, fünf Jahren, die die CD am ersten Tag kaufen. Damals sind sie dann auf 20 oder 30 eingestiegen, heute sind sie sofort auf Platz eins. Letztenendes verkaufen alle weniger.
Mad:
Wenn alle anderen drei Platten verkaufen, bist du mit vier Platten in der Woche schon auf Platz eins. Mit den Verkäufen, die wir in der ersten Woche hatten, wären wir vor ein paar Jahren vielleicht auf Top 50 eingestiegen.
War das Jahr für euch trotzdem erfolgreich?
Denyo:
Ja, man misst den Erfolg eben auch an dem, was andere Leute verkaufen und so. Wir haben einfach auch live derbe was an den Start gebracht. Neben der Qualität von der Platte und den Videos ist das auch das Ding, worauf wir am meisten stolz sind.
Mad:
Wenn man nur ein kühner Zahlenreiter wäre, könnte man in unserem kleinen Behördenkämmerchen schon leicht mal in eine Depression verfallen. So „Oh, unser altes Album war doch viel erfolgreicher, vielleicht haben wir doch Fehler gemacht?“ Streckenweise hat man mal irgendwelche paranoiden Tage, aber das war echt schlagartig vorbei, als wir angefangen haben zu touren und gesehen haben, dass es einfach nicht äquivalent ist, was man verkauft und wie viele Leute zum Konzert kommen.
Ihr wurdet oft mit Eimsbush gleichgesetzt. Als Eimsbush Insolvenz angemeldet hat, hat man sich gefragt, ob ihr nun auch pleite wärt?
Denyo:
Das haben viele missverstanden. Viele hatten auch Angst, dass es uns jetzt nicht mehr gibt, oder dass wir kein Label mehr haben (lacht). Dabei haben wir noch nie was als Beginner bei Eimsbush released. Als wir beim Major unterschrieben haben um „Rock On“ und „Bambule“ herauszubringen, ging das parallel mit der Mongo Clikke los. Natürlich hat jeder überall mitgemacht und wir haben uns gegenseitig unterstützt, aber letztenendes sind das zwei verschiedene Projekte, bei denen Jan (Eißfeldt, Anmerk. d. Red.) mitgemacht hat – einmal die Beginner und dann Eimsbush. Das war schon eine geile Sache, gerade am Anfang. Man hätte im Nachhinein niemals anfangen sollen, ein richtiges Label mit etlichen Mitarbeitern und Miete, Fixkosten, etc. daraus zu machen. Wenn man das kleiner gelassen hätte, würde das heute auch noch geil sein und funktionieren.
Mad:
Man ist eben abhängig von einem stetigen Materialfluss, es muss immer was released werden, aber das muss auch eine gewisse Qualität haben. Künstler, gerade die Rap-Hoschis, sind eben fertig, wenn sie fertig sind. Dann kann das halt mal sein, dass jemand erst zwei Jahre später mit seinem Album kommt. Das kann so einer Firma das Genick brechen.
Wie ist das mit den Künstlern – wie seht ihr die Hamburger Szene? Habt ihr noch stetigen Kontakt?
Denyo:
Ja. Ich habe gerade zum Beispiel was von Paolo gehört, da sind mir echt die Ohren vom Kopf geflogen. Da überlege ich auch, ob man nicht alle Kräfte zusammen packt, ein Album daraus macht und das irgendwie rausbringt, weil es einfach geil ist. Illo ist so ein bisschen unter den Fittichen von Sam und bringt sein Album raus, D-Flame hat sich ganz anders orientiert. Also, die Hauptakteure von den Eimsbush-Leuten sind eigentlich alle mehr oder minder irgendwo untergebracht.
Also, es passiert noch was in Hamburg?
Denyo:
Ja! Dendemann bringt sein Album raus, das bestimmt richtig derbe wird.
Eißfeldt:
Kann ich gleich schon mal sagen, wie's heißen wird: „Pimmel, Arsch und Hirn“!
Wird es nochmal sowas wie „K2“ mit allen zusammen geben?
Denyo:
Nein. Die Zeiten sind vorbei. Wir sind viel zu entfremdet. Nicht, dass wir richtig Hass auf irgendwen hätten, jeder macht sein Ding. Es gibt natürlich noch tausend Leute, mit denen man noch chillt, wie Dendemann, aber es gibt auch tausend Leute, mit denen man überhaupt nichts mehr zu tun hat. Oder nichts zu tun haben will.
Mad:
So viele haben sich eben auch einen eigenen Entwicklungsweg aufgebaut. Früher hat sich das alles so in einem Korridor bewegt und der Austausch war viel größer als heute. Manche Sachen findet man dann einfach persönlich nicht mehr so geil, dann kümmert man sich um was anderes.
Eißfeldt:
Es muss halt von selber kommen, wenn´s kommt. Und nicht, weil man sagt, wir müssen mal wieder einen Posse-Track machen.
Mad:
Damals waren das eben die Umstände. Das war auch eine extrem gute Zeit und wir sind happy, dass wir dabei waren. Das ist auch die Basis, von uns heute. Aber wir werden älter, das Leben verändert sich, Menschen kriegen Kinder...
Nochmal zum Song über Schily und Schill: Bis vor kurzem hat die SPD über 40 Jahre in Hamburg regiert. Jetzt ist es die CDU, aber Schill ist weg. Wie ist euer Empfinden?
Eißfeldt:
Schwule CDU ist das Gleiche wie Hetero-SPD!
Denyo:
Also ich muss ehrlich sagen, seit dem Schill weg ist, mache ich mir nicht mehr so viele Sorgen. Man hat das schon total gemerkt, zum Beispiel dass bestimmte Gastronomie-Betreiber extrem viel Ärger kriegen, wenn jemand einen Joint raucht oder so. Da sind die jetzt echt Bayern-mäßiger, das ist schon schade. Letztenendes hatte die SPD aber auch nicht mehr viel bewegt, dann ist das schon in Ordnung, wenn da mal ein Wechsel passiert, auch wenn´s die CDU ist und ich die natürlich niemals gewählt hätte.
Beschäftigt ihr euch viel mit solchen Themen, mit Poltik? Eißfeldt, du rappst in einem Stück, du liest nur Mopo (Hamburger Morgenpost) und SMS?
Eißfeldt:
Also, wenn man nur die Mopo liest, aber alles andere ausblendet, glaub’ ich auch nicht, dass das einen weiterbringt. Man muss schon lernen, das richtig zu lesen und zu interpretieren. Genauso wie man lernen muss, den Feuilleton von der Süddeutschen zu lesen – was ich bis heute nicht kann.
Auf euren CDs habt ihr keinen Kopierschutz drauf. Wie steht ihr zum Kopierschutz, und bei der DVD, wie läuft das da?
Mad:
Also, die DVD an sich ist der beste Kopierschutz. Wir haben sie so umfangreich gemacht, dass es zum Selbermachen viel zu aufwändig ist. Das sind zwei 9 GB-DVDs, randvoll mit Kleinkram. Das so zu kopieren, dass man das auf einen normalen Rohling brennen kann, ist verhältnismäßig schwierig und würde hinterher so komprimiert sein, dass es auch scheiße aussieht.
Denyo:
Wir haben das lange diskutiert und auch keine eindeutige Erkenntnis erlangt. Letztenendes ist das in der Diskussion auch wieder untergegangen und wurde einfach so gemacht. Zum Beispiel sprach dagegen, dass alte CD-Player die CD nicht spielen. Das ist scheiße, wenn man sie verkauft. Oder wenn es nicht geht, dass man die Musik für sich in seine iTunes packen will. Ich kann das schon verstehen, wenn man einen Kopierschutz auf der CD hat, aber ich finde es geiler, wenn die Leute einfach alles mit der CD machen können, was man machen kann.
Mad:
Und den richtig Kriminellen wird man dadurch auch nicht ausbooten, der klont und kopiert den Kopierschutz einfach mit. Irgendwann kamen wir dann bei dem Standpunkt an, dass man quasi diejenigen damit schädigt, die einem wohlgesonnen sind und losgehen, um den Tonträger zu kaufen.
Wie sind eure Zukunftspläne? Mad, wirst du deine Radiosendung weiter machen? Denyo wirst du dich deine Familie widmen? Und Eißfeldt produziert weiter und legt mit Mixwell auf?
Mad:
Aber Hallo, klar! Jeden Montag 23 Uhr auf N-Joy.
Denyo:
Ja, genau, aber ich mach’ auch noch ein Album, das kommt auch bald raus. Jan macht auch eins, aber das dauert noch ein bisschen länger glaub’ ich. Voher macht er noch ein Mixtape, das wird derbe! Glaube ich. Und ich bin der Pressesprecher!
Mad:
Und ich mach noch ein Plattenlabel mit meiner Freundin zusammen, Goodchild wird das heißen. Der erste Act ist die Grafitti-DVD von Daim und Konsorten. Wir werden auch nur dann releasen, wenn was Cooles anliegt. Dann kann da auch mal ein Jahr nichts passieren. Aber da man momentan nicht nur von einer Sache existieren kann, wird das auch nur ein Gleis mehr, das ich fahre. Natürlich sind die Beginner das Hauptding – aber das reicht leider nicht. Das ist heutzutage einfach so. Ich krieg mein Honorar, drehe Videos, mache ein Label und leg’ ja auch noch auf... das kleckert sich dann alles so zusammen, dass es klappt.
(Herbst 2004, erschienen im Flashmag)
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