Fetish Bubblegirls
100% Blasenbildung
 
Fetish BubblegirlsDie Sexualität ist ein wundervolles Thema in einem vermeintlich sexuell aufgeklärten Land mit Dr. Sommer, „Isch fick disch rischtisch“-Rap und schwulen Politikern auf Christopher-Street-Days alias Regenbogentagen. Wahrlich interessant verlaufen die Grenzziehungen zwischen Normalität und Perversität seit der sexuellen Revolution, inklusive Flower-Power und Anti-Babypille, sowie AIDS aus dem 1980er Jahren und Lilo Wanders, die die 1990er Jahre prägte.
Fetische scheinen heutzutage nur noch in der Sexualität vorzukommen. Tatsächlich kann man jedoch auch jedes menschliche Verhalten auf die Sexualität reduzieren. So frönen ja sogar Selbstmordattentäter ihrem „Fetisch“, indem sie auf eine Belohnung nach dem Tod hoffen, die viele entzückende Jungfrauen beinhaltet.
Nicht zuletzt durch 0190-Nummern und das Internet sind heute Fuß-, Latex-, Unterwäsche- und Unterwürfigkeitsfetische allgemein bekannt. Doch selbst der Rapper Spax bekannte sich in seinem Debut-Album von 1998 durch den Titel seines Longplayers: „Privat (Style Fetisch)“.
Die gesellschaftliche Norm gibt vor, was erlaubt ist und was nicht. Das Licht muss nicht mehr gleich ausgeschaltet werden und viele Praktiken sind sozialisiert, wie z.B. der gute alte Oralsex (der ja nach Bill Clinton gar kein Sex ist!). Das, was noch nicht als sexuelles Gemeingut in der Allgemeinheit angekommen ist, kann zum Fetisch erklärt werden. Zum Beispiel, wenn man auf Blasen steht. Seifenblasen. Kompliziert kann man es machen, wenn mehrere Fetische aufeinander treffen, so wie es TILT in seinem Buch „Fetish Bubblegirls“ zeigt. Und doch trifft TILT den Geschmack vieler. Er vermengt hübsche Frauen, leicht bekleidet in engen Räumen, spielerisch kindliche Spaß(seifen)blasen und erotisch auffordernde Blicke, festgehalten auf Fotos, die wie Schnappschüsse wirken. Hinzu kommt ein Moment der Körperlichkeit, der intimer nicht sein könnte: Das Bemalen des Frauenkörpers. Und das geht weit über das übliche „Betrunkene dekorieren“ (www.betrunkene-dekorieren.de) hinaus. In den Bildern des Graffiti-Künstlers vermischen sich nämlich Kunst, Kindlichkeit, Sex und Filzstifte. Eine explosive Mischung, bei der so mancher Eltervertreterin die Begriffe „frauenverachtend“ und „pervers“ in den Kopf schießen müssten.
Kunstkenner sehen allerdings geschwungene Kurven der Graffitis in Bubble-Style, die auf die Kurven der Frauen treffen und mit weiteren Bubbles, also Seifenblasen, garniert werden. Die nackte Haut ist ein Untergrund, der in der urbanen Szene noch wenig Beachtung geschenkt wird, sieht man mal von Tätowierungen ab. Doch „Body-Design“ und „Body-Shaping“ ist im Vormarsch. Der Körper tritt in den Vordergrund durch Piercings, Implantate, Body-Styling und -Paintings und dient als Plattform für eine Kommunikation oder Botschaft.
Der Franzose TILT transportiert eine intime Form der Street Art, die durch die privat anmutenden Fotos eine Voyeur-Perspektive erschafft, und sich von der Straße weg bewegt. Seine Kunst spielt sich in Räumen und Zimmern ab. Für Graffiti und Street Art ist das eine völlig neue Komponente, denn die Öffentlichkeit ist zunächst ausgeschlossen. Es ist eine kleine Traumwelt, die erschaffen wird: Privat, intim, verspielt und wie eine Seifenblase. Das Platzen der Seifenblase ist inbegriffen, der glückliche Moment jedoch auf Foto festgehalten. Der Fetisch wird ausgelebt.
 
(September 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)