Cash Rules Everything Around Me
Nicht Jetzt! Geld“… C.R.E.A.M., get the money, dollar dollar bill ya!” tönt der Klassiker vom 1993er-Album “Enter the Wu: 36 Chambers” des Wu-Tang Clan. Auch 15 Jahre später scheint sich nicht viel verändert zu haben: “Stick me for my riches” heißt der Titel über Geld auf dem aktuellen Wu-Tang Album. Und so ziemlich jeder Rapper, der etwas auf sich hält, hat mindestens einen Song, in dem es um Moneten geht. Es gilt schließlich: All about the benjamins; also, alles dreht sich um die Hundert-Dollar-Noten, auf denen Benjamin Franklins Konterfei abgebildet ist. Der bekannteste Rapper der letzten Jahre heißt sogar wie ein Geldstück – 50 Cent – und würde man ihn in namensgleichen Münzen ausbezahlen, wäre ‚millionenschwer’ ein wirklich treffender Ausdruck.

Grün bezeichnet in amerikanischen HipHop-Kreisen nicht etwa die Unterstützung für Al Gores Umweltaktivismus, sondern steht für die Farbe der Scheine. Die Kreativität bei der Zurschaustellung von Reich-Sein treibt deshalb seltsame Blüten und kann sogar durch Gummibänder verdeutlicht werden. T.I. nennt sich selbst den „Rubberband Man“, während die Gummibänder am Handgelenk erkennen lassen sollen, dass viele Scheine als Bündel zusammen gehalten werden müssen. Je mehr Gummis, umso mehr Scheine, desto reicher. Das Utensil präsentierte T.I. dann auch bei seinem Feature im Videoclip zu Justin Timberlakes „My love“. Dabei war das Gummi nicht etwa eine Präservativ-Metapher für Sex, wie manche glauben – die wunderschöne Frau, die an der Seite T.I.s mit dem Gummi spielte, zeigte abermals das Bild einer typisierten Frau, wie sie im HipHop-Kontext gern gesehen wird: Die Frau ist gefügig, weil Gummi = Geld. Ob Justin das mit „My love“ meinte?
„You come second to my money“ dichtete bereits Ma$e (ja, mit Dollarzeichen im Namen!) in seiner Liebeserklärung “Tell me what you want”. Wenn das nicht romantisch ist?
Warum ist den Rappern also Geld so wichtig? Was verbindet den ganzen Lebensstil des HipHop mit der ungebrochenen Überpräsenz von cash money? Es ist eben ein großes Thema: Rocker konsumieren Drogen und zerstören Hotelzimmer. Rapper verticken Drogen, um ihren kaputten Wohnvierteln zu entkommen! Sie schaffen es aus den Projects, hustlen sich aus dem Elend und werden zu Pimps. Dem Struggle und dem Hustling folgen Uhren, Ketten, Schmuck in jeglicher Form, Bling Bling, Nerze, Autos, Frauen, Champagner. „I made it“, oftmals raus aus dem Ghetto, rein in die Konsumwelt des Kapitalismus. Leben im Überfluss, Dekadenz, Verschwendung, Hyperkonsum und  Luxus heißt es dann. Und: „You can do it too“!
Die Unterdrückung der meist Unterprivilegierten wird kompensiert durch umso mehr geldwerte Gegenstände. Alles ist käuflich. Natürlich auch die tanzenden Frauen, debil und willig. Die Rapper sind schließlich Macker, Macher, Moneymaker. Sie können Champagner verschütten, Zigarre rauchen und goldene, mit Edelsteinen besetzte Zähne in die Kamera oder auf Fotos zeigen – wenn sie nicht gerade wieder böse gucken, als Relikt aus alten Ghetto-Zeiten. Das Leben ist eine einzige Party, wenn man es denn mal geschafft hat. Und diese Party mit all seinen Vorzügen soll den anderen als Ansporn dienen. Die einzigen Aufgaben eines Rappers, der es dann geschafft hat, sind demnach Scheine zählen und schmeißen sowie möglichst viel von dem nachzuholen, was das Leben einem einst verwehrte. Der amerikanische Traum wird also verwirklicht und fügt sich nahtlos in die US-amerikanische Geschichte und ins Gesellschaftsbild. Die Rapper sind gar keine Feinde des Systems, denn die Kritik am Geld wird meist ad absurdum geführt, weil die, die es aus dem Ghetto geschafft haben, damit prahlen und die Vorzüge des American Dream preisen.

Auch in Deutschland singt und rappt man längst nicht mehr „Das Gift heißt Geld“ wie es Immo einst konstatierte. Hierzulande gelten seit neuestem Geld-Verbrennungsrituale (Fler im Video zu „Deutscha Bad Boy“), Gepose durch 300.000 Euro teuren Handgelenk-Schmuck (Bushido) und der Blick für das Wesentliche: „Guck auf die Goldkette“ (Kollegah). Kool Savas fährt Porsche, ist bekennender Autonarr und gleichzeitig Vegetarier, Azad zählt sein Geld „Bündel für Bündel“, sido schmeißt schon länger Fuffies im Club und der Produzent Monroe und Manager Dennis Kortuemm gründen gleich ein ganzes Label mit dem Namen „Paper Paper“. Die Zeiten von Sellout-Samy und “5 MCs 10 Mark” (Torch) sind vorbei. Ausverkauf und Kommerz werden nicht mehr kritisiert, sondern angestrebt. Eine Single aufgrund von Kredibilitätsproblemen vom Markt zu nehmen, wie es einst Fettes Brot mit „Nordisch by Nature“ taten, gehören längst der Vergangenheit an.
Doch in Deutschland tut man sich schwer. Die Neidgesellschaft gönnt einem den Neureichtum nicht. Das Geldschmeißen hat keinerlei Robin-Hood-Ästhetik, sondern reiht sich ein in die Liste der Lieblingswörter wie Habgier, Geiz und Arroganz. Ein Proll protzt mit seinem Prunk. In Deutschland will aber jeder die Mitte sein. Erfolg und Wohlstand sind willkommen. Aber möglichst für alle und nicht nur für den Einzelnen. Das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft will dennoch so gar nicht zu den fragwürdigen, Gewalt verherrlichenden, Frauen verachtenden, sog. Pornorappern passen. Reich sein ist erstrebenswert. Und die weißen Sneakers sehen nun mal besser aus als die abgelatschten Treter vom Fußball-Training. Ein White-Tee in Triple-XL ist klar im Vorteil gegenüber einem weiten Schlafanzug, der den staubigen Parkett-Fußboden auf dem Weg zum nächtlichen Stuhlgang wischt. Das New Era Cap, frisch aus der Verpackung, der Schirm ungeknickt und mit Echtheits-Sticker wirkt im wahrsten Sinne fresher als die Wollmütze der Backpacker, Weltverbesserer und Reggae-Futzis. Dirty, dreckig und schmutzig war gestern. Die „Dirt off your shoulder“-Geste wird zum neuen Symbol des runderneuerten, glitzerndem HipHop und statt der Gangsigns wird das arrogante Wischen über die Schulter mit dem Handrücken das Zeichen der Zugehörigkeit.
Sowohl Kühlergrill am Auto als auch Grillz als Mundschmuck funkeln. Deluxe von Kopf bis Fuß lautet die Devise. Samy Deluxe hat es durch seine Werbepartner New Era und Reebok vorgemacht. In den USA war dies längst schon gang und gäbe. „You know we gettin’ money but you can gimme some more”, rappt Busta Rhymes und ahmt auch mal gerne Kassenklingel-Geräusche nach: Tschesching, tsching. HipHopper wissen, was zählt und wie man zählt. Und – wie zitiert – es ist nie genug. Pharrell gründet den Billionaires Boys Club und verkauft unverschämt teure Klamotten, Sean Combs aka Puff Daddy aka P. Diddy aka Diddy lässt in seinem Namen Maßanzüge fertigen und Parfum herstellen (der alte Ghetto-Mief wird mit "Unforgivable" übertüncht) und Jay-Z destilliert Vodka und verhält sich zu Basketballmannschaften der NBA wie ein Ibrahim Abramowitsch zu Fußballvereinen der englischen Premier League. Für die deutschsprachigen Rapper bleibt also noch ein wenig Spielraum. Nach oben versteht sich. Vom Bordstein zur Skyline.

Trotz der ganzen Wedelei mit den Geldscheinen, ist Geld des Rappers Lieblings-Spielzeug vor allem aus einem Grund: Wegen seiner Glaubwürdigkeit. Abgesehen von seinem Tauschwert ist die Banknote ein symbolisches Authentizitäts-Wunder. Dem Schein wird vertraut. Alle Menschen gehen davon aus, dass sie ihre Bündel eintauschen können. Wir glauben daran, wir vertrauen darauf. Geld ist quasi ein perfekter Imageträger. Dieses Authentische, diese Glaubwürdigkeit, die in den westlichen Ländern in jüngster Zeit kaum erschüttert wurde (auch nicht durch die Einführung des Euro), ist es, die die Rapper so fasziniert. Sie wünschten sie wären auch so. Und manchmal sind sie es auch.

(Juni 2008, erschienen in Nicht Jetzt!)