Schnellschüsse
Der Amoklauf von Winnenden ist in Deutschland medial präsent wie kaum ein anderes Thema in den letzten Tagen und Wochen. "Wie konnte das nur passieren?" ist die immer wieder - zurecht - gestellte Frage von Familien und Freunden der Opfer.
Nur manchmal ist die Beantwortung der Frage nicht so einfach, wie es viele Menschen gerne hätten. In einem offenen Brief an Bundespräsident Köhler, Bundeskanzlerin Merkel und Ministerpräsident Oettinger schreiben die Familien von fünf getöteten Schülerinnen am 21. März 2009, dass sie in ihrer Trauer und ihrer Wut nicht untätig bleiben, sondern mithelfen wollen, dass sich in unserer Gesellschaft etwas ändert. Hierzu formulieren sie ihre Vorschläge in sechs Absätzen. Und die Gewichtung der Themen zeigt bereits in welche Richtung eine Schuldzuweisung tendiert: (Nicht regulierte) Medien scheinen einen Großteil des Übels auszumachen.
Eine gesellschaftliche Diskussion wird rund um die Themen angesiedelt, die bereits durch eine Vorverurteilung diskreditiert werden. Wirkliche Aufklärung und eine Aufarbeitung, wie sie gewünscht wird, kann so nicht stattfinden.
 
Es wird u.a. verlangt, dass Killerspiele verboten werden, dass es mehr Jugendschutz in Chatrooms und Foren geben müsse, die Berichterstattung über Amok-Schützen anonymisiert werde und eine "Gewaltquote" für Fernsehsender gefordert. Die Realität folge dem Medienbild, welches nur durch Mord und Totschlag geprägt sei.
Dass Spiele, die zum Ziel haben, möglichst viele Menschen umzubringen, in Deutschland bereits verboten sind, wird nicht erwähnt. Dass eine Regulierung der Presse immer auch an Zensur heranreicht, scheint nicht zu stören. Und eine "Gewaltquote" für Fernsehsender zu erlassen, scheint mir eher in einen zum Scheitern verurteilten Gewaltakt des Messens zu münden - denn, wann darf Gewalt gezeigt werden? In der Tagesschau, aber nicht beim A-Team? Ist physische Gewalt, wenn Blut spritzt; psychische, wenn bei DSDS Kandidaten niedergemacht werden? Ist Boxen eine Sportart? Ist Gewalt, die ein Polizist im "Tatort" aus Notwehr anwendet "bessere" oder gar "gute Gewalt"? Zeigt her eure Messinstrumente!

Warum folgen auf einen Amoklauf Verteufelungen, Pauschal-Verurteilungen und Verbotsforderungen? Die Trauer nährt den Aktionismus und den Glauben an vermeintlich glasklare Zusammenhänge: Fernsehen, Computerspiele, Internet = Böse
Schublade auf, Lösung gefunden, Problem abgehakt. Nächster Tagesordnungspunkt.

Wenn sich wirklich etwas in unserer Gesellschaft ändern soll, darf auch Kindern und Jugendlichen keine rosarote Brille inklusive Keuschheitsgürtel verordnet und an der Realität vorbei gelebt werden. Was ist denn los mit unserem Schulsystem, dass vorher keiner etwas gemerkt hat? Warum gibt es kein Schulfach "Medienkunde", wenn doch die Medien soviel Übel verursachen? Liegt es am Fernsehen, dass nicht mehr kommuniziert wird? Sind Internet-Foren an einer angeblichen Heroisierung des Täters schuld?

Die vermeintlichen Problemlösungen finden sich nicht in den Antworten der fünf Familien der Opfer. Sie finden sich auch nicht im Regal von Galeria Kaufhof, die aufgrund des Amoklaufs alle Computerspiele "Ab 18" aus ihrem Sortiment entfernt haben.
Es ist wichtig, erst einmal die richtigen Fragen zu stellen und Schnellschüsse nicht nur als schlechtes Wortspiel zu vermeiden!