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In den letzten Wochen wurde viel über Avatar gesprochen und geschrieben
- der Film gehört jetzt schon zu den wirtschaftlich erfolgreichsten der
Filmgeschichte und wird nach dem großen Triumphzug durch die Kinosäle
auf eine Trilogie ausgedehnt. Genügend Stoff bietet sowohl der Planet
Pandora als auch die Einwohner, die Na'vi. James Cameron erwähnte
bereits kurz vor Filmstart, dass Fortsetzungen bei wirtschaftlichem
Erfolg möglich wären. In Holywood ist das wohl als klares
Sequel-Versprechen zu verstehen.
Avatar sorgte sowohl beim Publikum als auch bei den Kritikern für
Lobeshymnen, die den Film in Bezug auf Motion-Picture- und 3D-Techniken
als neues Maß aller Dinge priesen.
Doch der Film ist nicht nur unterhaltsam, dramaturgisch exzellent aufgebaut und visuell spektakulär, sondern auch inhaltlich visionär. Während immer wieder die bahnbrechende Filmtechnik erwähnt wird, findet sich Kritik an der Oberflächlichkeit der Figuren, der hölzernen Na'vi-Gesichtsmimik und dem Naturvolk-Kitsch.
Die Geschichte wird vorangetrieben durch den menschlichen Machthunger nach natürlichen Ressourcen - die Ausbeutung der außerirdischen Natur aus ökonomischen Interessen steht dem Lebensraum der Na'vi entgehen.
Die Erdenmenschen haben auch in der Zukunft nicht gelernt, Ökonomie und Ökologie zu verbinden; sie schürfen und fördern Unobtainium, wie heutzutage Diamanten, Kohle oder Öl.
Den Na'vi droht die Umsiedlung. Die Parallelen zu den Indianern wird deutlich und vielleicht auch, warum Avatar in chinesischen Staatskinos abgesetzt wurde, wenn man an die Zwangsumsiedlung tausender Chinesen aufgrund von Staudamm-Bauten denkt.
Zunächst wird den Einwohnern über diplomatische Kanäle eine Umsiedlung nahegelegt, doch nicht viel später kann man auch im Film von kriegsähnlichen Zuständen sprechen.
Die edle Ressource Unobtainium - das Ziel der Begierde und kostbares Gut auf der Erde, ist dabei ein schönes Wortspiel mit einem zwinkernden Auge in Richtung Hollywood: Unobtainium wird in der Filmbranche spöttisch als Stoff beschrieben, den es in Wirklichkeit nicht gibt, ohne den jedoch im Film der Handlungsstrang nicht schlüssig fortgesetzt werden kann.
Unobtainium ist zudem das Material, mit dem Unmögliches möglich gemacht werden kann. Das deutsche Pendant ist wahrscheinlich am ehesten die eierlegende Wollmilchsau.
Während die Geschichte oberflächlich als Öko- oder Indianerfilm vorangetrieben wird, passiert die Science Fiction subtil. Die ganzheitliche und nachhaltige Lebensweise der Na'vi gestaltet sich nämlich höchst interessant aus idealisiertem "Eins-Mit-Der-Natur" und dem "Circle of Life" aus König der Löwen. Die Verbindung mit der gesamten Welt entsteht durch Härchen bzw. Tentakeln, die jedes Lebewesen auf dem Planeten Pandora besitzt und die als biologische USB-Sticks oder Glasfaserkabel beschrieben werden können. Sie vernetzen die Na'vi mit ihrer Umwelt.
Eine Vision, die wir Menschen versuchen, technisch umzusetzen. Als Netz-Aktivisten wünschen wir uns einen Internetzugang frei von Zensur, rasend schnell und mit ständiger Konnektivität. Es ist keine allzu ferne Zukunftsvision vom Traum der (sog.) Netzgemeinde zu sprechen: Permanentes Online-Sein. Eine Verschmelzung von virtueller und naturgebundener Umgebung. Und das mit Geräten, die nicht wie Maschinen wirken, sondern zu uns gehören wie Kleidung, Schmuck oder gar notwendige Körperteile - so, wie es bei den Na'vi der Fall ist.
Auch für uns Menschen wird im 21. Jahrhundert die virtuelle Verbindung mehr als nur ein Accessoire sein, mehr als bloße Spielerei in einer Welt, die vermeintlich real nicht existiert. Die Vernetzung ist ein Mittel der lebensnotwendigen Kommunikation.
Die Na'vi besitzen natürliche Lichtquellen, floureszierendes Tiere, Gräser und Moose, Energie scheint überall vorhanden. So wünschen wir Menschen uns ebenfalls unsere Umgebung: Wir legen unser Smartphone auf ein floureszierendes Moos und es wird wie von selbst mit Energie versorgt - das passende Netzteil ist auf Pandora die Flora und Fauna.
Die Kommunikation der Na'vi ist für uns in dem Sinne futuristisch, dass Körper verschiedener Wesen miteinander kommunizieren. Dies kann ebenso als Vision der Transplantationsmedizin angesehen werden. Dass fremde Organe nach einer Transplantation in einem neuen Körper in genau diesem funktionieren, ist immer wieder eine Herausforderung, aber bei vielen menschlichen Organen keinen Sensation mehr, sondern selbstverständlich.
Für die Zukunft ist abzusehen, dass auch Nervenenden von amputierten Gliedmaßen wieder verknüpft werden, dadurch Roboterarme gesteuert werden können oder sogar komplett gedanklich gesteuerte Bewegungsabläufe, z.B. bei Querschnittsgelähmten, möglich sind. Die Robotik bzw. Bionik steckt noch in den Kinderschuhen, doch das Plug'n'play als Ziel wird Menschen in Zukunft ermöglichen, ehemals Fremdes zu steuern.
Jake Scully, der Protagonist des Films, sitzt durch einen Unfall im Rollstuhl. Sein Vorgesetzter verspricht ihm, dass er sich darum kümmern werde, dass er seine Beine zurück bekommt. Die möchte er jedoch am Ende des Films gar nicht mehr.
Er geht stattdessen in seinem neuen Körper auf und legt schließlich sein menschliches Dasein ab, um Na'vi zu werden.
Wieder eine Vision, die ein futuristischer Traum ist: Nicht nur die Transplantation und Wiederherstellung von kompletten Körperteilen, sondern eine Art Bewusstseinstransplantation, die es einem ermöglicht, ein vollkommen anderer Mensch zu werden. Quasi die Premium-Version von Second Life. Man wird zu seinem eigenen Avatar. Man wird so, wie man es sich wünscht zu sein - zumindest was die Körperlichkeit anbetrifft.
Unser Avatar als Benutzerbild bei Facebook bis zum grafischen Stellvertreter beim PKR Poker wird immer differenzierter, immer formbarer und zu einer beinahe eigenständigen, virtuellen Person.
Wird der Avatar auch im Film zunächst nur gesteuert, beginnt im Laufe der Zeit eine Verschmelzung, die für Jake Scully in der Aufgabe seiner irdischen Existenz mündet. Hier trifft der Kinofilm auf die Bedeutung des Wortes Avatar, die das Herabsteigen einer Gottheit auf die Erde bezeichnet. Jake Scully geht in seinem Avatar auf, er wird zu ihm. Er überwindet seine behinderte Körperlichkeit (seine gelähmten Beine sowie die für den Menschen toxische Atemluft) und wechselt seinen Körper. Er überwindet die Körperlichkeit, was anmutet wie Nietzsches Sehnsucht nach Übermenschlichkeit und sich in der Bedeutung des Filmtitels widerspiegelt.
Jedoch bietet auch der Untertitel des Films einiges an Interpretationsrahmen und somit Diskussionsstoff: "Aufbruch nach Pandora" erinnert stark an die Büchse der Pandora, die, wenn man sie öffnet, das Schlechte in die Welt trägt und nicht wieder gut zu machendes Unheil bringt. Dass ebenso die Hoffnung in der Büchse der Pandora eingeschlossen ist, war sicherlich auch James Cameron bewusst, als er den Titel des Films wählte, dem es an visionären Ideen nicht mangelt.
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