Der Traum vom Tanzen
Das Tanzen hat seit jeher seine eigene Sprache und ist in fast allen Kulturen rituell verankert. Durch das Tanzen über sich selbst zu erzählen, ist heute aber weitesgehend durch standardisierte Tänze verloren gegangen. Im Breakdance wird die Kreativität und der eigene Stil jedoch noch gefordert und auch gefördert. Ich traf Sonny Tee, den B-Boy und Tanzlehrer, der lehrt, sich selbst im Tanz zu verwirklichen.
Zum Einstieg eine Standard-Frage: Wann und warum bist du mit HipHop in Berührung gekommen; und wurde das Ganze damals schon HipHop genannt?
Nein, ich wusste am Anfang gar nicht, was HipHop ist. Ich habe angefangen zu tanzen wegen einer Schulfreundin, die in Amerika war. Sie war in New York und zeigte mir den Moonwalk. Das war 1983 und ich war begeistert davon. Ich wollte den Moonwalk lernen - schnell machten wir in der Schule diese Bewegungen nach, bewegten uns wie Roboter oder machten auch die klassische Glasscheiben-Pantomime. Als wir später dann die Rocksteady Crew im Fernsehen sahen, beeindruckten die durch viel Akrobatik, die uns aber erstmal nicht interessiert hat. Dann kam Breakdance-Sensation ’84, die Bravo-Wettbewerbe und der Film Beatstreet. Von da an wusste ich, was HipHop ist und was alles dazu gehörte. Im Kino habe ich ihn mir mindestens drei Mal angesehen und versucht, die Moves nachzumachen. Auch Graffiti habe ich damals schon gemacht – die Backpieces auf dem Jackenrücken habe ich mit Uni-Paint Lackstifte nachgemacht. Nach Beatstreet haben wir auch erst gesehen, dass es so etwas wie Battling gibt. Vorher war das Ziel auf der Straße zu tanzen und ein bißchen Geld damit zu verdienen.
Du warst einer von denen, die die ersten Jams hier in Hamburg veranstaltet haben. Wie kam es dazu?
Ich war einer der ersten, der es durchgezogen hat. Viele haben sehr früh aufgehört und das Tanzen nach der ersten Modewelle aufgegeben. Nach ein, zwei Jahren war es für viele vorbei. Die hatten dann andere Hobbies oder Interessen. Einige kannten das auch nur, dadurch, dass es hier in Hamburg präsent war. Als die Breakdancewelle abschwappte, war es für die zu Ende. Moritz Bleibtreu oder auch David von Bed&Breakfast haben damals mit mir zusammen gebreakt. Ich hatte allerdings so viele Verwandte, auch in Holland und Kontakte außerhalb, dass es für mich niemals vorbei war.
Und wie ist deine Vernetzung in der Szene heute? Du bist als Jurymitglied auf der ganzen Welt gefragt.
Es kam nach und nach. Mir ist es zum Beispiel auf dem B-Boy Summit in Amerika aufgefallen. Ich machte besondere Schritte – und das wurde nicht vergessen. Mit meiner jetzigen Erfahrung, die ich durch langjähriges tanzen und bereisen der Welt mir angeeignet habe, eigne ich mich halt für eine Jury. Außerdem bleibe ich lieber im Hintergrund, will nicht so sehr im Rampenlicht stehen. Meine Freunde wie Storm und Swift sind groß rausgekommen, ich war aber immer schon eher der ruhige Typ.
Juryentscheidungen werden gerade im Breakdance-Bereich oft kritisiert?
Ich versuche immer neutral zu sein. Es geht um die Szene, wir haben die Szene aufgebaut und wir müssen versuchen, dass sie weiter besteht. Wir können also nicht etwas schlechtes zeigen. Es ist aber auch nicht einfach, in der Jury zu sein. Es gibt viele Kriterien, die du in Realtime bewerten musst: Choreographie, ob das Thema zur Musik passt, Toprocks, Footwork, Powermoves, Synchronität. Ich schreibe die Sachen auf, die mir auffallen. Die guten, die innovativen, die schlechten. Wenn ich dann mit den Leuten rede und diskutiere, dann verstehen die, warum ich so bewertet habe. Ich kann ihnen immer sagen, was sie dann und dann gut oder schlecht gemacht haben, wie sie auf den Gegner reagiert haben, usw. Sie können ruhig auf mich zukommen, ich kann ihnen immer meine Entscheidung erklären, weil ich es aufschreibe. Und bisher gab es auch kaum Probleme.
Wie hat sich das Tanzen in den letzten Jahren verändert?
Es ist mal so, mal so. Es gibt Phasen. Im Moment verzweigt sich auch alles ein bißchen. Es gibt mehrere Bereiche. Knoten- oder Joga-Moves werden in letzter Zeit viel gemacht. Oder auch nur klassische Powermoves. Viel Akrobatik. Aber auch Locking und Popping kommen wieder. Die Powermoves sind aber nicht Hauptbestandteil des Tanzes! Wenn man jahrelang tanzt merkt man, dass die Powermoves nicht so wichtig sind. Ich habe es anders gelernt. Wenn man weiß, wie es sich anfühlt zu tanzen, kennt man den Unterschied. Man muss zur Musik tanzen. Die Powermoves sind die Effekte. Heutzutage kann ein Tänzer nicht alles lernen. Damals haben die Breaker alles gelernt: Backspin, Windmill, Popping, Electro-Boogie. Dies lag daran, daß die Vielfalt der Moves noch nicht vorhanden war. Heute muss man sich einfach spezialisieren, weil man für bestimmte Powermoves stundenlang jeden Tag trainieren musst. Und das kannst du auch nur machen, wenn du jung bist. Auch leichte Moves spektakulär Aussehen zulassen erfordert eine Menge Erfahrung und Disziplin. Aber im Endeffekt zählt nicht die Quantität, sondern die Qualität.
Wie siehst du die Verbindung zu HipHop heute? Gibt es noch die klassischen vier Elemente?
Mit Musik kann man immer mehr machen, man sieht es im Rap-Bereich. Beim Tanz gibt es noch Theater, aber als Tänzer bist du oft ein Background-Tänzer, selten ein Hauptakteur. Nur mit dem Tanzen Geld zu verdienen ist schwer und hat auch keine lange Lebensdauer, da man im Alter es immer schwieriger haben wird. Man kommt vielleicht ein bißchen weiter, wenn man selbst singt, so wie es die Southside Rockers mal gemacht haben. Also der Zusammenhalt von früher geht auseinander. Aber viele versuchen, es zusammen zu halten und die alte Jam-Kultur wieder aufleben zu lassen. Meistens sind die Oldschool-Leute daran interessiert. Aber auch auf dem Splash gibt es Breakdance und Graffiti. In vielen Videoclips kommt das Breaken wieder.
Du bist Grafik-Designer und auch Graffiti-Künstler. Beobachtest du die Graffiti-Szene?
Aus der Graffiti-Szene bin ich eigentlich raus. Seit ca. acht Jahren habe ich nicht mehr aktiv gesprüht, weil ich soviel mit dem Tanzunterricht zu tun habe. Aber ich werde trotzdem immer mal wieder auf Jams eingeladen, um zu sprühen. Ich habe meinen Style nicht viel verändert. Manchmal habe ich sogar noch alte Dosen, die ich benutze. Schablonen gab es zum Beispiel auch damals schon. Ich sprühe und skizziere auch alle Stile: Bubbles… Heute kommt auch noch die Computertechnik dazu, es geht in Richtung Illustration. Jeder Stil entwickelt sich weiter. Ein Computer ist da auch nur ein Werkzeug.
Wie sieht es mit deinen Crews aus?
Ich bin in einer amerikanischen Gruppe: Soul Control. Ich habe aber nicht mehr soviel Geld wie früher, um dahin zu fliegen. Umgekehrt ist es genauso. Die Magnificent Movements hängen zur Zeit ein bißchen in der Luft, die Mitglieder haben alle viel zu tun, einer macht eine Ausbildung…
Was gibst du deinen Schülern mit und wie ist der Unterschied zwischen OnStage School und Jugendzentrum?
Bei der OnStage School ist es fast wie im Unterricht. Die Leute werden mehr in Choerographie gefördert. Und es ist auch eine andere Zielgruppe. Die kommen zum Teil auch aus ganz anderen Tanzrichtungen und benutzen das nur als Schnupperkurs oder Ergänzung. Das sind nicht alles B-Boys und B-Girls. Im Jugendzentrum ist es ungezwungener. Das ist einfach freies Training und die meisten sind B-Boys, die dann auch irgendwann selbständig tanzen. Ich zeige ihnen ein bißchen. Darum geht es auch beim Breaken: Eigenständigkeit. Sich selbst etwas zu zeigen. Ich bin dann da, aber nicht immer als Lehrer dabei, sondern auch als Pädagoge. Ich versuche ihnen nur beizubringen, dass sie das auch irgendwann weitergeben können.
Wie siehst du dich in der Zukunft?
Ich bin ja eigentlich Grafiker und möchte das auch ein bißchen ausbauen in nächster Zeit. Aber es ist schwierig den Übergang zu finden und irgendwie muss man den Übergang finden. Ich kann ja nicht von heute auf morgen mit dem Tanzunterricht aufhören, und im Moment gebe ich viel Unterricht, so dass mir kaum Zeit für andere Dinge bleibt. Abgesehen davon werde ich auch nie aufhören zu tanzen!
(Sommer 2005, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)
|