 Alle feiern bereits. Es wird gegrillt, Bier getrunken, in der Sonne gesessen und sich unterhalten. Nur einer steht noch an der Wand: Seak, und malt in aller Seeleruhe letzte Details, respektive kleine Härchen an seine zuvor an die Wand gesprühten Gebilde.
So geschehen an einem der ersten Sommertage im April, vor der „nextwall“. Einer Wand, die die Werbeagentur Jung von Matt gemeinsam mit den Writern Daim, Tasek, Daddy Cool, Desur und Seak konzeptionierte und die klassische Graffiti-/Street-Art mit digitalen Medien verbinden soll.
Seak ist ein Perfektionist, dessen Stil unverkennbar ist in der weltweiten Graffiti-Szene und noch darüber hinausgeht. Er begegnet uns redselig, offen und zu Scherzen aufgelegt – Eigenschaften, die es ihm ermöglichten, sich in der Graffiti-Szene zu behaupten und dort zu etablieren, wo er hingehört: Als wegweisender Künstler der 3D-Bewegung, der die weichen Formen und spielerischen Elemente verinnerlicht und durch seine Kunst nach außen trägt.
Wie würdest du dich bezeichnen – bist du Writer, Maler oder Künstler?
Ich würde sagen: Künstler. Das hat eine Wertigkeit. Viele Leute werten das ab, wenn man Graffiti-Künstler sagt. Und Writer ist wie das Wort „Nigger“. Wenn du ein Schwarzer bist, darfst du es sagen, ansonsten ist es eine Beleidigung. Eine Kollege – also jemand, der auch sprüht – der darf zu mir auch Sprüher sagen...
… oder Sprayer?
Genau! Bei dem Niveau mache ich schon den Kopf zu, wenn mich irgendjemand so anspricht. Ich antworte dann: „Hören Sie, ich mache das seit 15 Jahren! Versuchen Sie mal eine Frage zu stellen, die ich noch nicht gestellt bekommen habe.“
Würdest du Graffiti auch als Kunst bezeichnen?
Batik-Malerei von Hausfrauen ist auch eine Kunst, bestimmt! Die Frage ist, auf welchem Niveau das besprochen wird. Beim Graffiti gibt es Regeln, es gibt eine Hierarchie, es gibt Leute, die dazu Geschichten schreiben. Kunst hat auch viel mit Eitelkeit zu tun und nicht unbedingt mit Geld verdienen. Es geht um den Status. Die Inhalte sind sehr ähnlich im Kunstbereich, die Wertung ist dieselbe. Es werden nur andere Wörter und Codes verwendet.
Graffiti findet im öffentlichen Raum statt, man kann den öffentlichen Bereich nutzbar machen. Allerdings bedient sich deshalb auch jeder an dieser Kunst, zum Beispiel die Werbung. Die Künstler, auf die die Werbung zurückgreift, sind gar nicht in diese kommerziellen Strukturen eingebunden. Es gibt Werber, die insgeheim von Writern beeinflusst sind, es aber als ihren eigenen Stil verkaufen. Den haben die gar nicht entwickelt, aber präsentieren es dann.
Abgesehen vom Graffiti typischen „Namen-Malen“, malst du auch Formen?
Es ist ein Drang gewesen, so zu arbeiten. Ich wollte nicht nur eigene Formen, eigene Buchstaben, sondern auch eine eigene Technik. Eine Art, zu illustrieren. Ich habe die Sachen anders abstrahiert und in Grundformen zerlegt. Ich bin ein Teil der 3D-Bewegung – die meisten haben aber blockig und eckig gemalt. Ich habe eine eigenständige Position bezogen und habe mich für die Rundungen entschieden, für weiche Formen. Ich habe damals meinen Nachteil zum Vorteil gemacht und für mich gelabelt. Mir vielen gerade Linien schwer. Ende der Neunziger habe ich meine Buchstaben nicht mit Pfeilen unterstützt, sondern mit Antennen.
Das haben viele Leute kopiert. Leute, die auch in die Grafik gegangen sind. Meine Bildsprache und meine Technik – das war vorher in der Graffiti-Szene verboten. Ich habe diese saloppe Art, die nicht traditionelle Art, Graffiti zu sprühen, salonfähig gemacht. Es war ein harter Kampf und ich habe auch sehr viel Kritik dafür einstecken müssen.
Aber es haben sich so viele Leute bei mir bedient, von mir geklaut, sich von mir beeinflussen lassen. Mein Ansporn und Ansatz war es dann, meinen Stil in neue Höhen zu treiben und meinen Stil so sehr zu branden, dass ich damit in Verbindung gebracht werde, dass eine Weiterentwicklung stattfindet. So findet man seinen Stil.
Dein Stil scheint das Organische mit dem Anorganischen zu vermischen. Wie siehst du in diesem Zusammenhang Piercing, Body-Modification, Silikon oder Robotik, die auch alle mit der Verschmelzung von Organischem mit dem Anorganischen zu tun haben?
Silikon finde ich klasse – mehr Silikon!
Aber zur Frage: Das ist eigentlich gar nicht mein Ansatz. Tätowierungen habe ich, Piercings hatte ich, aber das hat nicht entscheidend meine Arbeit beeinflusst. Es ist schon gut, wenn Buchstaben funktionieren und einen Charakter bekommen. Dass sie sich wie Dronen, ein Raumschiff oder ein Lebewesen verhalten können. Aber es hat dann eher etwas Jugendliches, dass man mit Raumschiffen spielt, mit Robotern, die sich bewegen. Roboter, die auch dein Alter Ego sind. Gesellschaftliches wie Robotik oder Genetik gehen mir dabei nicht durch den Kopf, auch wenn es vielleicht so aussieht. Das kann aber noch kommen.
Ich habe ein anderes Gefühl und denke anders über meine Sachen, wenn ich sie zeichne, wenn ich Skizzen mache – die meiste Zeit verbringe ich damit, Skizzen zu machen. Das wirkt ganz anders. Das Gefühl beim Umsetzen mit der Dose ist auch ganz anders. Es ist eher Malerei.
Es kann sein, dass es nur zwei Sekunden dauert, bis ein Buchstabe perfekt ist. An der Wand dauert es dann aber vier Stunden. Deshalb möchte ich auch in Zukunft mehr in den Design-Bereich, das reizt mich… Ich merke das alleine daran, dass eine große Nachfrage nach meinen Sachen herrscht, auch als Shirt- oder Schuh-Design. Das ist spannend und man kann neue Ansätze finden. Meine Farbübergänge sind allerdings schwierig beim Druck.
Graffiti wird pauschal immer noch mit Illegalität in Verbindung gebracht?
Jahrelang wurde dieser Begriff negativ besetzt. Die Medien machten daraus eine Art Branding. Die Leute in Europa verbinden mit Graffiti etwas anderes als in Amerika. Muralism oder Wandmalerei gibt es hier nicht. In Deutschland haben wir keine echte Wandmalkunst-Tradition.
Es gibt keine größere Lobby, hier nennt man es Graffiti.
Es gibt allerdings eine Art Doppelmoral, was Graffiti anbetrifft. Zum Beispiel wenn die Deutsche Bahn ihre S-Bahnen von Schulklassen bemalen lässt?
Die Bahn will sich in der Presse positionieren, sich profilieren.
Heckla und Koch ist eine Waffe, die die Polizei oder auch die GSG9 nutzt, die aber auch von amerikanischen Spezialeinheiten benutzt wird, die Aktionen gegen das Völkerrecht ausüben. Erschießen und retten.
Ich habe letztens ein Bild gesehen: Euthanasie von 1933 und da war ein Mercedes-Wagen drauf. Oder Porsche: Ferdinand Porsche hat die Motoren für die deutschen Panzer gebaut. Ein Panzer wurde sogar nach ihm benannt: Der Ferdinand-Panzer. Doppelmoral…
Wenn du links gehst, kommst du irgendwann rechts an. Es gibt Grauzonen. Auf einer Reise gehst du von einer Zone in die andere Zone und manchmal merkst du es noch nicht einmal.
HipHop an sich hat auch viele Regeln und ist im Prinzip wertkonservativ?
Es ist eine Subkultur, die funktioniert. Viele HipHopper sind Puristen. Mich gibt es nur deshalb, weil ich denen irgendwann den Stinkefinger gezeigt habe. Mich hat das Konservative angekotzt. Mir wollten Leute sagen, was richtig und was falsch ist, wie man Buchstaben zu malen hatte. Da hatte ich keinen Bock drauf. Ich hatte den Mut, frische Sachen zu machen, ich habe andere beeinflusst, bin weiter gekommen und habe etwas Gutes geschaffen.
Wie stehst du zu Schablonen, Stickern, etc. Zur Streetart, die seit ca. fünf Jahren boomt?
Vorher gab es das schon. Es ist ein alter Hut neu aufgelegt. Ist möglich geworden durch die 3D-Writer. Die haben die Szene tolerant gemacht. Die haben die Wertkonservativität und auch eine Art von Doppelmoral aufgebrochen. Wir scheißen auf die Realness, das ist meine Realität und mein Weg.
Graffiti hat irgendwann mehr zugelassen. Viele haben es im Writing auch einfach nicht geschafft, weil sie nicht gut genug waren. Das waren eher die illustrativen Jungs, die dadurch einen alternativen Weg wählen konnten. Den gab es vorher gar nicht. Es kamen natürlich auch eine Menge gelangweilter Grafiker dazu. Inflationär viel.
Es gibt die neuen Medien, die dazu kommen. Die Sache ebbt irgendwann ab, weil es so eine Menge gibt, dass man keine Chance mehr hat, hervorzustechen. Aber wenn du 15 Jahre an deinen Buchstaben gearbeitet hast, als Graffiti-Typ weißt, wo die Züge abgestellt sind, die Straßen klargemacht hast, dann bist du nicht mal eben wieder draußen. Du bist so viele Jahre dabei, es hat so lange gedauert, deinen Stil zu entwickeln.
Aber du musst nur eine gute Idee haben… warum nicht!? Das muss man ja nicht zehn Jahre lang machen.
Bringt Kunst die Gesellschaft voran?
Klar, sie gibt den Leuten Denkanstöße. Sie öffnet neue Perspektiven, bereichert dein Leben und macht es sinnlich. Dass du dich aufs Leben freust, Endorphine ausschütten kannst, Gefühlswelten,… Sie verschafft dir einen Kick, inspiriert und kritisiert. Macht sich über die Gesellschaft lustig, kommentiert Dinge, die passieren. Ohne Kunst wäre es so, als ob wir kein Salz mehr hätten. Alles wäre fade und würde keinen Spaß mehr machen.
Wie siehst du die Entwicklung und die Zukunft von Graffiti, die Verschmelzung von Graffiti mit den neuen Medien?
Wenn du eine neue Bildsprache entwickelt hast, ist vieles möglich. Du musst nur dein Ziel geschärft haben. Klar, kann man Sachen digitalisieren, umwandeln. Ich werde auch versuchen, einiges mehr zu machen. Es geht um Content für Mobiltelefone und über die ganzen Shirt- und Spielfiguren-Geschichten hinaus. Ich finde das klasse. Ich will mich auch mehr darauf konzentrieren. Auf der anderen Seite will ich das Malen nicht aus den Augen verliehen, Leinwände, Ausstellungen, Wände. Ich kämpfe an verschiedene Fronten, der Rahmen ist immer die eigene Bildsprache.
Kennst du einen Sprüherwitz?
Nein, wie geht der?
Weiß ich auch nicht, deshalb frage ich.
Habe ich noch nie gehört, dass es einen Sprüherwitz gibt – ich glaube, du hast gerade den Sprüherwitz etabliert. Es gibt ihn noch nicht, ich glaube es wird ihn geben, trag dich schon mal bei Wikipedia ein…
Was sind deine Top-5-Farben?
Schwarz, Minze. Farbkombinationen sind interessanter. Es gibt Top-Farbkombinationen, die unverbraucht sind… welche Farbe und welcher Anteil…
Ich verfolge auch Farbtrends in der Mode; schaue was kommt und was geht. Meine Top-5-Farben? Hab ich nicht?!
Schwarz!
(Mai 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)
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