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RafikDort, wo die Deutschen noch weltmeisterlich zur Sache gehen, wird nicht unbedingt nach Doping gefahndet oder die Nationalhymne gespielt. Legale und weniger legale Genussmittel stehen auf dem Tagesordnungspunkt der Zuschauer, wenn DJ Rafik seiner Arbeit nachgeht, die manchmal wie Sport anmutet. Und statt der pompösen, altbackenen Nationalhymnen sind es eher die Hymnen der Straßen, die die hart gesottenen Männer die Hand aufs Herz und das ehrenvolle Stillstehen vergessen lassen. Es wird sich höchstens mutig ein Herz gefasst und spektakuläre neue Moves werden ausprobiert, um die Frauen zu beeindrucken. Rafik regiert das Geschehen: Ob im Club durch die Auswahl der Musik oder in der Veranstaltungshalle, in der er sein technisches Können unter Beweis stellt. Wir trafen den fünffachen Weltmeister der ITF-DJ-Championchips im Kellergewölbe eines Hamburger Clubs und sprachen mit ihm zwischen hämmernden Beats und ohrenbetäubenden Bahn-Geräuschen.

 

Was ist für dich der Unterschied zwischen Turntablism und DJ’ing und wie würdest du dich bezeichnen – als Turntableist oder als DJ?

Es sind schon zwei verschiedene Sachen. Ich würde mich selber als „DJ / Turntableist“ bezeichnen.
Für mich ist ein DJ in erster Linie jemand, der für ein Publikum auflegt, sprich: Die Leute wollen eine bestimmte Musikrichtung hören, je nachdem wo sie hingehen. Die Musik, die dort gespielt wird, muss auf eine Art und Weise strukturiert sein, dass es für die Leute bekömmlich ist. Das Publikum muss mitgehen. Das ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe von einem DJ. Ein Turntableist ist jemand, der durch Manipulation am Plattenspieler neue Sounds kreiert. Ein Turntableist ist sozusagen ein Live-Sampler und -Sequenzer. Er sucht sich seine Stellen raus und setzt sie neu zusammen. Ich selber versuche als Club-DJ sowohl die Leute zu unterhalten, als auch die Skills, die man aus dem Turntableism-Bereich kennt, einzubauen – auf eine dezente Art und Weise. So, dass es halt nicht den Vibe, den man aufbaut, zerstört. So, dass es unterhaltsam ist. Auf der anderen Seite bin ich eben auch Battle-DJ. Da mache ich nur die Turntableism-Geschichte.


Siehst du die Plattenspieler plus Mixer als Instrument? Ist Turntableism sogar eine Musikrichtung für sich?

Plattenspieler und ein Mixer zusammen, das ist ein sehr facettenreiches Instrument. Es hat sowohl seine eigene Charakteristik; dadurch, dass man die Sounds, die auf Vinyl sind, manipuliert. Man weiß schon, was es ist, man erkennt es: jemand scratcht und es ist nicht das Instrument, was jetzt spielt. Battle-Routines sind schon allein deshalb eine Musikrichtung für sich, weil es eine audiovisuelle Geschichte ist. Wenn man es nur hört, kommt es nicht rüber. Es ist soviel, was schnell passiert. Battle-Routines sind kein ausproduzierter Track mit Effekten, bei dem alles stimmt und wo alles harmonisch klingt. Tuntableism kann man aber auch in einer Band als Instrument benutzen, indem man einfach ein Soloinstrument nimmt und das manipuliert. Wobei dadurch Musik entsteht, die nicht so unterschiedlich von dem ist, was man sonst von einem Instrument kennt.
Man kann auch aus mehreren Spuren Tracks aus nur Scratchen zusammenbauen, ohne dass jemand hört, dass alles gescratcht ist. Es ist beides – ein Instrument und eine Musikrichtung. Aber es muss keine eigenständige abgefahrene Musikrichtung sein.


Wie siehst du die technische Entwicklung in den letzten Jahren? Ist es noch übersichtlich für Leute, die sich nicht mit dem Turntableism beschäftigen? Verstehen die das?

Früher war es schon so, dass es die Leute ein bisschen eher nachvollziehen konnten. Es wurden Tracks benutzt, die jeder kennt. Es wurde auf eine recht minimale Art und Weise manipuliert. So dass es für die Leute interessant war. Auch die ganzen Body-Move-Aktionen – ich will das auch gar nicht schlecht reden. Es ist schon cool, wenn jemand einen Flic Flac macht oder sich dreht. Es ist halt für die Leute unterhaltsamer.
Heutzutage wirkt alles vielleicht total durcheinander, weil es so kompliziert geworden ist. Juggles und Scratche kann man vielleicht gar nicht mehr unterscheiden und deshalb kann ich auch nachvollziehen, dass es für manche über ihre Köpfe hinweg geht.


Wie lange trainiert man für Battles?

Das ist unterschiedlich. Ich kenne Leute, die trainieren vier Stunden am Tag. Trainieren ist dafür eigentlich ein krasses Wort. Früher habe ich viel mehr geübt als heute. Ich habe eine Weile gebraucht, um technisch etwas draufzukriegen und dann habe ich irgendwann nicht mehr so viele neue Sachen gelernt, sondern Sachen benutzt, die ich schon kann, um sie zusammenzubauen.


Was benutzt du für technische Hilfsmittel – Serato, Final Scratch, einen Sampler…?

Es kommt drauf an. Wenn ich eine Battle-Routine mache, nutze ich Serato vorher eigentlich nur, um mir auszusuchen, was ich nachher auf Dubplate pressen kann. Ich habe dann Sachen, die kein anderer hat. Bei einer Battle-Routine kann man auch sagen, dass zwei Turntables und ein Mixer schon das optimale Set-Up sind. Ansonsten gilt für die ganzen musikalischen Ansätze, dass die Techniken dir viel mehr Möglichkeiten bieten. Bei Serato zum Beispiel kann ich alles was ich haben will, sofort auf Platte bekommen. Es ist auch für den Club super – nicht, weil man sich MP3s saugen kann und dann alles am Start hat, sondern weil es schneller geht und man viele Sachen machen, die man nicht unbedingt mit Vinyl machen kann. Ich drücke zwei Knöpfe und schon habe ich die Scheibe noch mal drauf. Im Gegensatz dazu müsste man noch mal 8,90 Euro ausgeben – oder die Platte ist gewellt oder vergriffen. Auf jeden Fall hat man auch Nachteile: Der Sound leidet darunter. Da kann mir jeder erzählen, was er will. Es hat nicht die Wärme einer Vinyl-Schallplatte. Da bin ich also immer noch ganz klarer Fan.


Du produzierst auch?

Ich produziere irgendwas zwischen HipHop-Beats und Instrumental-Musik mit Cuts drin. Aber ich will mich auch gar nicht so festlegen. Es kann auch mal in die Breakbeat-Richtung gehen. Meistens versuche ich schon etwas zu machen, was in die HipHop-Richtung geht, weil es mich am meisten fasziniert. Ich bin ein Rap-Fan. Ich möchte eben, dass Leute über meine Beats rappen und dann muss ich es auch so gestalten, dass das möglich ist.


Du bist fünffacher Weltmeister, was bringen die Titel?

Ein bisschen Genugtuung. Es ist schön, ein Ziel zu erreichen. Das ist auch das, was ich am meisten genossen habe. Ich habe es mir vorgenommen, mindestens einmal Weltmeister zu werden. Bei der ITF waren 2004 drei Titel möglich: Team, Scratching und Advanced. Dann habe ich schon ein bisschen davon geträumt, die alle mitzunehmen. Es hat hingehauen und ich war stolz drauf.
Auf der anderen Seite bringt es einem was, weil die leute auf der Welt verteilt von einem hören. Ich habe schon Gigs dadurch bekommen, die ich sonst nicht gehabt hätte. In Japan, in England,…
Reichtum und Häuser und Lamborghinis sind mir leider bisher nicht vergönnt. Muss auch nicht sein – ich bin auf jeden Fall sehr zufrieden damit.


Was findest du beim Mixen im Club wichtig?

Wenn ich auflege, versuche ich nicht zuviel zu machen, weil es mir um die Musik geht. Manchmal beschweren sich die Leute, weil sie etwas anderes erwarten. Aber nicht jeder der im Club ist, ist halt ein totaler Turntable-Fan, der unbedingt will, dass man ein ganzes Lied durchsratcht. Ich versuche, Sachen dezent zu halten und wenn ich was mache, dass es auch rüberkommt. Hauptsächlich versuche ich sauber zu mixen. Sounds zusammenzupacken, die sonst vielleicht nicht passen, so dass ein bestimmter Fluss entsteht. Das ist für mich wichtig.


Wir würdest du deine Gruppe Lordz of Fitness beschreiben – ihr kommt ja eigentlich alle aus verschiedene Städten?

Wir sind eine ungewöhnliche Gruppe – wir sind eigentlich eine Battle-Gruppe, wir haben uns auf Battles kennengelernt und hatten sonst vorher nie etwas miteinander zu. Eigentlich sind wir rumgefahren und haben gegeneinander gebattlet. Aber das Ziel der Sache war dann, es zu einem Namen zusammen zu fassen – so hat es einfach Sinn gemacht: Auf den ersten Plätzen waren halt immer die Lordz of Fitness.
Erst nach zwei Jahren waren wir auch eine klassische Crew, die Routines macht. Was halt echt schwierig ist, weil einer wohnt in Hannover, einer wohnt in Göttingen, Düsseldorf, Kreuzthal… Wenn ich das mit Leuten, vergleiche, die in einer Stadt wohnen und sich jedes Wochenende treffen und über ein Jahr hinweg eine Routine gestalten, müssen wir halt in zwei Wochen, wenn wir uns treffen, den ganzen Tag nichts anderes machen. Das ist anstrengend. Da kann man sich dann auch noch so gerne haben, das ist einfach hart. Auf Knopfdruck nur Kompromisse und am Ende muss etwas dabei rumkommen – aber es hat funktioniert.


Du bist noch jung – willst du weiterhin auf Battles fahren?

Nein, eigentlih habe ich das nicht geplant. Ich will noch einmal DMC mitmachen. Ein Traum von mir ist es, die DMC zu gewinnen. Es ist der größte Verein, es hat die größte mediale Aufmerksamkeit, es wird auf BBC live übertragen, kommt im Fernsehen,… Das sind Sachen, die bringen einem eine Menge. Abgesehen davon, dass man dieses Jahr auch Geld gewinnen kann. Ich bin einmal Zweiter geworden und will es jetzt noch einmal wissen. Vielleicht klappt’s, vielleicht auch nicht. Aber ich muss nicht mehr unbedingt, ich habe mir andere Ziele gesteckt. Ich habe bei den Battles erreicht, was ich erreichen wollte. Andere Projekte waren aber deshalb bisher nicht so möglich. Aber ich werde immer noch zu Battles gehen. Ich werde nicht das Interesse daran verlieren.

Wie siehst du deine musikalische Zukunft?

Ich will schon alles beibehalten: Ich will noch Showcases machen. Aber diesen Competition-Gedanken möchte ich weghaben. Ich möchte möglichst an der Produktion vieler Platten beteiligt sein. Ein Stück Vinyl – das, womit man arbeitet und dann hat man es auch noch selbst gemacht. Das ist ein geiles Gefühl. Und vielleicht ist es auch das, wovon man leben kann, sage ich mal ganz vorsichtig.
Musiker zu bleiben, mit allem was ich bisher gemacht habe und alles einzubauen. Ich habe früher Schlagzeug gespielt, was ich wesentlich mehr einbauen möchte. Battlewax und Mixtapes kommen von alleine dabei rum. Und langsam komme ich in die Ecke, dass ich für Rapper produziere. Ich will mit Leuten zusammen arbeiten, die ich auch gerne höre.

 

(August 2006, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)

 
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