 Eine deutsche Band, deren Songs, trotz der Jahrzehnte im Musikgeschäft, nicht schnulzig, langweilig und bieder sind; eine Band, die aus der deutschsprachigen Rockmusik nicht mehr wegzudenken ist und bis heute nichts von ihrer Sympathie eingebüßt hat: Die Ärzte werden nicht nur für die alten Zeiten und Alben verherrlicht - sie haben auch heute weder Spaß noch Bissigkeit verloren. Ein Beweis dafür ist Ärzte-Mitglied Bela B., der den sehenswerten Animationsfilm "Terkel in Trouble" synchronisiert hat. Er synchronisiert nicht etwa nur die Hauptfigur, sondern spricht jede einzelne Figur des Films, hat auch noch Geräusche für eine Ratte übrig und interpretiert auch den Soundtrack im Alleingang. Grund genug, ihn in seiner "Standard-Stimme" antworten zu lassen.
Es gibt viele Promis, die gefragt werden zu synchronisieren. Was und wie wählst du aus?
Beim Synchronisieren von Zeichentrick- oder Animationsfilmen geht es immer um Leute, die in der Öffentlichkeit stehen, sogenannte Promis. Ich versuche mich dieser Bezeichnung zu entziehen. Ich bin Rockmusiker und ich glaube sagen zu können, dass ich mir das auch hart erarbeitet habe. Promi ist man heute ja schon, wenn man einmal beim richtigen Friseur war. "Terkel in Trouble" ist von einem kleinen Verleih - das merkt man schon daran, dass es ein dänischer Film ist... Ich brauche nicht neben Erkan und Stefan einen Disney-Film zu synchronisieren, das ist nicht mein Ziel. Ich achte schon darauf, was ich mache. Ich suche mir meine Rollen bewusst aus - dort, wo ich mich ausdrücken kann. In meiner Musik und in meinen Texten kann ich es auf direkte Weise. Was ich als Schauspieler mache, soll mich auch in diesem Bereich weiterbringen. Ich muss nicht überall mitspielen. Es muss schon das wiederspiegeln, zu dem ich selbst stehen kann.
Wie gesagt war es ein kleiner Verleih, der nicht viel Geld hatte. Aber wann hast du schon mal die Gelegenheit, alle Stimmen zu synchronisieren? Ich weiß auch nicht, ob das schon mal gemacht wurde. Die Idee ist so simpel, dass ich eigentlich denke, dass das schon mal jemand gemacht haben muss. Ich weiß allerdings auch nicht, was ich Google fragen sollte, um das heraus zu bekommen? Es war einfach eine große Herausforderung für mich.
Vergleicht man das Original mit der Synchronfassung - was ist, abgesehen davon, dass du alle Stimmen sprichst, anders auf deutsch?
Der Vergleich ist schon eine harte Sache. Originalfilm und Synchronisation sind für mich wie A und B. In Deutschland ist ein bestimmter Menschenschlag ganz anders. Von einigen Typen, die auch sehr stereotyp gesprochen sind, haben wir in Deutschland eine andere Vorstellung. Jason zum Beispiel mit seinen Sätzen "Motherfucker", "Motherfucking fresh" und "Up your ass". Es ist schon so, dass ich bei bestimmten Sachen insistieren musste. Von anderen Figuren habe ich mich überzeugen lassen: Ich war zunächst der Meinung, dass der Vater von Terkel immer monoton "Nein" sagen würde. Dann wurde mir aber klar gemacht, dass seine Kommunikation über dieses eine Wort funktioniert; der Vater ist ein Mensch, der über ein einziges Wort kommuniziert. Ich habe keine so große Bandbreite in meiner Stimme. Also musste ich da schauspielerisch rangehen. Die beiden Lehrer zum Beispiel kommen beide aus der Hippie-Kultur, aber reden unterschiedlich - da bin ich schon stolz drauf. Beim Synchronisieren allgemein wurde es immer besser. Das Hörbuch, das ich vorher gemacht habe, hat mir dabei schon geholfen. Aber als ich irgendwann die Unterhaltungen mit meinen verschiedenen Stimmen hören konnte, hat mich das selber beeindruckt. Es war schon cool, wie sich die Stimmen zusammen anhörten. Bei den Songs war es so, dass ich ein bißchen hier und da verändert habe, ich habe die Reime gemacht; auch so, dass sie mit den Bildern in Einklang standen. Wie schätzt du den Film ein in Bezug zur Familienunterhaltung oder anderen Cartoon-Serien wie z.B. Southpark? Für mich ist "Terkel in Trouble" auf jeden Fall ein Familienfilm. Ein Familienfilm, in dem Köpfe abgetrennt werden. Aber er ist ab 12 und man sollte die Kinder auch nicht unterschätzen. Rita ist ein Running-Gag. Es ist Slapstick-Humor, wenn ihr eine Gabel ins Auge fällt. Aber ich habe solche Unfälle früher am eigenen Leib erfahren. Bei Tom und Jerry sind es auch bestimmte Dinge, "Terkel" ist eine andere Art von Humor, aber die Kids verstehen das schon. Es gibt auch Stellen, an denen die Eltern lachen - bei den Simpsons ist es auch so – und wenn Bart die Treppen hinunterfällt, lachen die Kinder. Abgesehen davon ist Southpark ein gutes Stichwort. Auch wenn bei Southpark wieder eine ganz andere Art von Humor eine Rolle spielt. In Southpark tauchen Gegenwartspolitiker auf, ein Bush würde in "Terkel" nie vorkommen oder genannt werden. Aber die Menschen und viele Kritiker vergleichen gerne. Genial finde ich, dass es im Film eine Szene gibt, die vom Humor her ähnlich ist und auch genau die Southpark-Ästhetik bedient. Wenn der "Reinhard-Mey-Song" vom Lehrer Gunnar kommt, ist die Geschichte southparkmäßig animiert. Sie ist auch genauso böse: Wenn dem kleinen thailändischen Jungen der Hintern weh tut, werden Sternchen gezeigt...
Als Schauspieler im Film "Edelweißpiraten" hast du dich optisch stark verändert...
Das war auch nötig! Der Film spielt ja nicht in der heutigen Zeit. Ich bezweifle, dass sich die Leute damals die Haare gefärbt haben. Wegen der ewigen Schwarzfärberei wurden meine Haare zuerst grün - das ist wirklich wahr! Dann habe ich sie abrasiert und musste für die ersten Szenen eine Perücke tragen. Nach 20 Jahren färben war ich selbst gespannt, wie meine Haare wohl aussehen würden...
Wie wählst du deine Rollen aus? Inwieweit haben diese etwas mit dir als Musiker bzw. Privatmann zu tun; auch politisch?
Ich finde schon: Wer Musik macht und zu wem tausende Leute aufs Konzert kommen und "Ja!" schreien, wenn man sie dazu aufruft, dann musst man den Leuten auch sagen: Eigentlich dürft ihr das ja nicht so machen!? Ich äußere mich heute häufiger politisch, früher habe ich mich eher um die Flasche Jack Daniel's gekümmert - das war zu der Zeit wahrscheinlich auch richtig. Heute ist es so richtig, wie ich es mache.
Was die Figuren anbetrifft, schöpfe ich da schon aus eigenen Erfahrungen und Begegnungen. Aber eine Rolle, ist eben nicht Bela B. - das bin ich in der Musik. Mit meinem Soloalbum!
Stichwort Musik. Von den Ärzten wurde auch ein Album indiziert und gerade erst wieder vom Index genommen. Beobachtest du die heutigen Indizierungen, insbesondere in letzter Zeit im Bereich der Rapmusik?
Zwei unserer Alben von wurden indiziert, eins wurde wieder runtergenommen. Das Problem sehe ich teils teils - damals übrigens auch schon. Zensur als Mittel halte ich für sehr fraglich. Ich kenne das selber, ich war dort! Wir standen auf dem Terminplan der Bundesprüfstelle, nachdem sich eine Neonaziband verteidigt hat. Es kann wirklich nicht sein, dass ganz hohl Parolen oder stumpfe Aufrufe auf Platten veröffentlicht werden. Ich verstehe hingegen, warum ein Peter Heppner und auch Rammstein soviel Zuspruch bekommen. Die haben die Schnauze voll. Bei den Ärzten war es damals nicht anders.
Fler lehne ich allerdings absolut ab. Ich finde, dass er ein verkacktes Weichei ist, der sich in eine populistische Ecke stellt. Auch Bushido finde ich scheiße. Wenn der indiziert wird, schafft die Bundesprüfstelle eine Wichtigkeit für diese Leute. Wieso soll man das verbieten? Das hilft ihm doch nur, seine Platten zu promoten. Das war auch bei den Ärzten so. Wir haben damals extrem davon profitiert.
Wie ist es bei den Ärzten? Wurde und wird eure Ironie missverstanden?
Ich denke, dass die Leute das schon verstehen. Die Ironie wird nicht völlig übersehen. Irgendwie verstehen es die Leute und irgendwie auch nicht. Wir überraschen die Leute immer wieder und wir sind auch eine Art Kulturgut.
Es gibt ja nicht nur die Ärzte, sondern auch Bela B. als Solokünstler.
Ja, ich wollte eigentlich erst im Januar damit rausrücken. Aber für Rock am Ring wurde ich schon als Act bestätigt. Seit Oktober nehme ich auf. Bela B. - ich bin jetzt alleiniger Herrscher, ich kann jetzt herrschen! Die meisten Songs und alle Texte habe ich geschrieben - es gibt einen Fremdtext: Der Text, der am meisten nach „Die Ärzte“ klingt. Ich kann nur sagen: Musik ist mein Leben, so abgedroschen es klingt. Aber sie ist immer wieder eine neue Herausforderung.
(Winter 2005, erschienen im P*U*S*H*-Magazin. Foto: Jim Rakete)
|