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„Wir bekennen uns schuldig der Verführung der Jugend, schuldig der Leugnung der Götter“
Graffiti bewegte sich stets zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Auftragsarbeiten und Verboten, und steht im öffentlichen Raum im Wettbewerb mit Werbung. Es drängt als Kunst an die Öffentlichkeit, für die Öffentlichkeit ist es jedoch meistens nur Schmiererei, Vandalismus und Sachbeschädigung. Meinungsinstanzen wie Politiker, Medien oder bestimmte gesellschaftliche Gruppen verteufeln es, der Kunstmarkt lehnt es ab. Obwohl es seit Jahren Mode und Trends mitbestimmt, ist die Wechselseitigkeit fraglich: Graffiti-Künstler werden von der Werbung kopiert und dienen als Inspirationsquelle für neue Ästhetiken.
Werbung im öffentlichen Raum wird im Gegensatz zu Graffiti nicht als störend empfunden, es dränge sich nicht auf. Doch Graffiti respektiert nicht das System des Privateigentums, das überall gilt und keinen Fleck auf der Welt mehr frei von Zugehörigkeit lässt. Es ist mehr ziviler Ungehorsam als Verbrechen, der sich auf die Fahnen geschrieben hat, den öffentlichen Raum zurück zu erobern.
„Wo immer es um die Welt der Kunst geht, sind unsinnige Gesetze da, um gebrochen zu werden“
Die Ordnungsinstanzen der Gesellschaft unterliegen dem Wandel. Vormals Illegales kann später als inspirierende Aktion angesehen werden. Die Mal-Aktion wird von Graffiti-Künstlern meist als eine Tat begriffen, in der sich die Illegalität der künstlerischen Idee unterordnet. Graffiti-Writer zahlen Geld für Farbe und nehmen das Risiko einer Verhaftung in Kauf. Sie hinterfragen mit ihren Aktionen – bewusst oder unbewusst – das gesellschaftliche Sicherheitsempfinden, das Rechtssystem und die Kunstwelt. Ihr Schaffen ist gekennzeichnet durch Provokation und sogenanntes abweichendes Verhalten – doch Ablehnung und Zustimmung sind gesellschaftlichen Gegebenheiten unterworfen, sie sind zum Teil sozialisiert und institutionalisiert. Sie prägen das Leben. Die Kunst des Graffiti stellt diese Art zu leben in Frage.
„Wir können es zwar Kunst nennen, aber wenn jemand anderes es Terrorismus nennt, haben wir ein Riesenproblem.“
Frei vom Kunstmarkt etablierte sich Graffiti und konnte sich behaupten, trotz der quasi ständigen Existenz in der Illegalität. Graffiti emanzipierte sich in den letzten Jahren auch zusehends von sich selbst. Die Regelkonformität von außen wurde nie akzeptiert. Die Regeln, sich die Szene selbst auferlegt, gelten nun auch nicht mehr bzw. werden überschritten. Graffiti-Klischees lösen sich auf und es finden sich neben Oldschool New Yorker Graffiti Style verschiedene Weiterentwicklungen. Avangardistische Tendenzen sind auszumachen, Graffiti benutzt Stile wie Konstruktivismus, Serialismus und Reduktionismus und inszeniert sich nicht mehr nur innerhalb einer geschlossenen Szene oder verständigt sich durch Codes, die nur Szenemitglieder verstehen.
Graffiti ließ sich nie komplett einverleiben von der etablierten, musealen Kunstwelt, sondern transportiert jetzt sogar etablierte Kunst in die Straßen. Die Einverleibung des klassischen Kunstmarktes funktioniert auf beiden Seiten – weder das eine noch das andere wird assimiliert. Graffiti findet immer wieder seinen Weg in Galerien und Museen. Aber die Kunst, die sich vermeintlich nur dort inszeniert, wird jetzt auch durch Graffiti transportiert.
„Eine Kunstform bei der nicht Inhalte der Zensur unterworfen sind, sondern ihr Dasein an sich.“
So wenig wie Graffiti von den Straßen zu verbannen ist, ist es heutzutage stilistisch einzugrenzen. Eigene Vorgaben und vermeintliche Regeln werden gesprengt, wenn etablierte Kunst aufgenommen und integriert wird, graffiti-spezifische Entwicklungen werden fortgeführt oder befinden sich in einer Phase des Wandels. Es ist kein Auflösungsprozess des Graffiti, sondern das, was sein Überleben sichern wird: Eine bewegende Kunst, die sich ein Schritt öffnet, weil sie so gefestigt ist, dass sie nicht mehr zerstört, einfach verboten oder vom Kunstmarkt verschlungen werden kann. Graffiti ist eine Art Alternative oder Parallele zur etablierten Kunstwelt, doch steht mit ihr nicht in Konkurrenz. Graffiti zeigt, dass es Kunstströmungen imitieren und zitieren kann, ohne dabei sich selbst aufzugeben. Die Inkonsequenz liegt im Befolgen der eigenen auferlegten Regeln.
(November 2007, erschienen im P*U*S*H*-Magazin)
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